Die Grenze für den Ausbau der Produktionskapazitäten ist nahezu erreicht

Rotterdam, im Oktober

Der "schwarze Tag", den die Amsterdamer Effektenbörse in der ersten Oktoberwoche erlebte und der unter dem Einfluß der indonesischen Parlamentswahlen, der Spannungen in Marokko und sonstiger Vorgänge auf der politischen Weltbühne vor allem für die holländischen Fernostwerte Kurseinbrüche bis zu 36 Punkten brachte, wurde von vielen in Holland als ein "Zeichen an der Wand" betrachtet. Man sprach bereits von einer wirtschaftlichen Wende, zumal man befürchtete, daß die finanziellen Verluste auch ihre Folgen für die allgemeine Wirtschaft haben würden.

Die nervöse Stimmung des Börsenpublikums zeigte, in welchem Maße gerade Holland finanziell wie wirtschaftlich von äußeren Einflüssen abhängig ist. Das bedeutet keineswegs eine Schmälerung des vielgepriesenen "holländischen Wirtschaftswunders". Es genügte aber ein Tag, um zu zeigen, daß Holland seine augenblickliche Wirtschaftsblüte, die geradezu an das berühmte "goldene Zeitalter" erinnert, nicht ausschließlich seinen eigenen Leistungen verdankt, sondern einer Hochkonjunktur, die schon seit geraumer Zeit die gesamte westliche Welt erfaßt hat. Gewiß, in Holland wird tüchtig gearbeitet und mit Weitblick geplant. Es handelt sich aber im Grunde genommen um Einzelleistungen, die breiten Schichten zugute kommen. Die Geschäfte blühen wie noch nie zuvor. Dabei ist die Kundschaft recht anspruchsvoll geworden. In den Fabriken und auf den Werften herrscht Hochbetrieb. Während sich aber selbst der Hafenarbeiter und die Putzfrau im Wohlstand sonnen und sich dessen durchaus bewußt sind, daß sie ihre Arbeitskraft teuer verkaufen können, blickt der Unternehmer nicht ohne Sorge auf den "roten Strich", dem Gefahrensignal der Bilanz, dem sich die Wirtschaftsexpansion seines Landes bedenklich nähert...

"Schwarze" Löhne

Die Grenze für den Ausbau des Produktionsapparats für die Konsum- und Exporterweiterung ist nahezu erreicht. Der stark angespannte Arbeitsmarkt und das unaufhaltsam steigende Kostenniveau der Produktion (vor allem auch dadurch verursacht, daß heute jeder im Lande einen möglichst hohen Anteil an der "allgemeinen Wohlfahrt" begehrt) lassen Reibungen entstehen, die, wenn man sich nicht rechtzeitig vorsieht, über kurz oder lang einen Kurzschluß auslösen könnten. –

Es mag einem ein Rätsel sein, wieso in einem Lande, das zu den dichtbesiedelten Europas gehört, innerhalb von sechs Jahren einen Bevölkerungszuwachs von etwa dreiviertel Millionen Menschen erlebte und seine Zuflucht zur Emigration nehmen muß, um sich Luft zu verschaffen, überhaupt ein derartiger Mangel an Arbeitskräften herrschen kann, daß die Unternehmer schwarze Löhne zahlen oder Mopeds und Radioapparate als Lockmittel anpreisen, nur um Arbeiter zu bekommen. Dabei beschränkt sich dieser Arbeitermangel nicht etwa nur auf einzelne Gebiete, sondern ist in allen Berufen ernstlich fühlbar. Es fehlt an Verkäuferinnen und Packerinnen, an Trambahnschaffnern und Büroangestellten, an Seeleuten, Textilarbeitern, Schauerleuten und Straßenfegern. Man wundert sich schon nicht mehr, wenn man zu hören bekommt, daß es sogar an Schauspielern und Musikern gebricht, um den wachsenden "Kulturbedarf" zu decken! Für dieses "Phänomen" mag es verschiedene Erklärungen geben. Es ist schon richtig, daß die Spannungen auf dem holländischen Arbeitsmarkt durch die hier geübte Wohnungsbaupolitik noch verschärft werden. Ein gewisses, jährlich von der Regierung vorgezeichnetes Bauvolumen wird auf das gesamte Land aufgeschlüsselt. Dieses Volumen darf nicht überzogen werden. Dadurch Mitstehen notwendigerweise Engpässe, da die Arbeitskräfte nicht überall dort untergebracht Weiden können, wo ihrer Beschäftigung harrt. Beispielsweise kann eine Schiffswerft nicht die notwendige Anzahl Arbeiter einstellen, weil zu deren Unterbringung eine Wohnsiedlung in der Nähe des Arbeitsplatzes anzulegen wäre. Für diese Siedlung wird aber keine Baugenehmigung erteilt, weil sonst das für jenen Abschnitt zugeteilte Bauvolumen überschritten werden würde. Also: keine Baulizenz und keine Arbeiter.