Von W. O. Reichelt

Das Angebot der Eisen- und Stahlwerke und der eisenverarbeitenden Industrien Nordrhein-Westfalens, statt einer Lohnerhöhung im ausmachenden Betrag von rund 100 Mill. DM jährlich die Walzstahlpreise um durchschnittlich 7 DM die Tonne zu senken (15 Mill. t Jahresproduktion), hat Otto Brenner in einer Stuttgarter Rede als "ein Angebot der Stahlkönige und Schlotbarone" bezeichnet, das "eine unverschämte Provokation und Verhöhnung der arbeitenden Bevölkerung" darstelle. Keinem Menschen diene die vorgeschlagene Preissenkung, sie käme ausschließlich nur der Aufrüstung zugute – das ist die ganze, politisch eingefärbte Weisheit Brenners. Die Große Tarifkommission der IG Metall beschloß nun am vergangenen Mittwoch, unverändert an ihrer Forderung einer Erhöhung der Ecklohne um 20 Pfennig die Stunde und der Gehälter um 12 v. H. sowie nach Verkürzung der Arbeitszeit und Angleichung der Frauenlöhne an die der Männer festzuhalten. Der Vorschlag der Arbeitgeber sei – so wurde wiederholt – "eine Beleidigung und Provokation".

Damit noch nicht genug: Die IG Metall hat sich ferner herausgenommen, ihrem Verhandlungspartner vorzuschreiben, wie sie ihn bei kommenden Verhandlungen zu sehen wünsche. Unter Bruch alter Abmachungen und Zusagen verlangt die IG Metall eine Aufspaltung des Tarifpartners und getrennte Verhandlungen mit dem Arbeitgeberverband Eisen und Stahl und dem Verband industrieller Arbeitgeberverbände der Eisen- und Metallindustrie Nordrhein-Westfalens. Diese beiden Verbände hatten 1954 einen Kartellvertrag abgeschlossen dahingehend, Tarifverhandlungen mit der IG Metall gemeinsam zu führen. Dieser Kartellvertrag wurde damals von der IG Metall anerkannt.

In dem Arbeitgeberverband Eisen und Stahl sitzen die Arbeitsdirektoren mit den Kaufleuten und Technikern der Werke zusammen im Vorstand. Von diesem Arbeitgeberverband, also auch von den Arbeitsdirektoren, war der konstruktive Vorschlag gemacht worden, die Lohn-Lohn-Spirale und damit die Lohn-Preis-Spirale zu kappen. Die Beschimpfungen Brenners in Stuttgart richten sich somit auch gegen die Arbeitsdirektoren. Ihren Vorschlag, mit dem neuen Versuch einen Beitrag zur Preissenkung und damit zur Besserung der Kaufkraft einzuleiten, nennen nun die Funktionäre der Metallarbeitergewerkschaft eine Beleidigung!

Es ist wohl selbstverständlich, daß der betroffene Verhandlungspartner daraufhin zunächst einmal die für den 21. Oktober vorgesehenen Lohnverhandlungen nicht begann. In einer solch unfreundlichen und unerfreulichen Atmosphäre kann niemand verhandeln. Es liegt wirklich die Frage offen, ob diese Tonart notwendig war. Betriebsräte und Arbeitsdirektoren erklärten uns, daß sie recht betroffen über das radikale Fahrwasser seien, durch das Brenner jetzt die IG Metall führe. Aber jene Funktionäre in der Gewerkschaft kennen eben nichts anderes und können offenbar auch nichts anderes als die sture Wiederholung der Klassenkampfgesänge. Da will niemand die Konsequenzen sehen oder – und das glauben wir eher man will gerade jene verderblichen Konsequenzen heraufbeschwören. An einer Preissenkung, an einer Sicherung des Wertes der D-Mark, an einer wirtschaftspolitischen Beruhigung und an einem guten Ablauf der Konjunktur haben gewisse Kreise der sozialistischen Funktionäre überhaupt kein Interesse. Im Gegenteil; Sie fürchten die Entwicklung, weil dabei ihr Weizen verdorrt. Man will die Stahlarbeiterlöhne wieder über die Bergarbeiterlöhne bringen. Man will die Abwanderung aus dem Bergbau, man will Schwierigkeiten für die Kolle schaffen, wo man kann. Denn man will seinen Programmpunkt beweisen: daß nämlich die Kolle nicht privatwirtschaftlich geleitet werden könne, sondern "sozialisierungsreif" sei und den "Schlotbaronen" enteignet werden müßte.

Niemand soll sich in der Öffentlichkeit der Täuschung hingeben, als ob die Industriegewerkschaft Metall nur aus irgendeiner Laune heraus ihr Nein gesagt habe. Dahinter steht das sozialistische Programm von Victor Agartz und der aufgewärmte Marxsche Katechismus von der Sozialisierung der Grundstoffindustrien.

Wie dieser Lohnstreit nun enden wird, steht noch offen. Ob ein Kompromiß möglich ist, ob er erst nach längeren Streikwochen, die durchzuhalten sich viele Stahlwerke des Rhein – Ruhr – Gebietes stark machen, oder womöglich erst nach einer Schlichtung durch die Bundesregierung erreichbar ist, ist nicht vorauszusehen. Jedenfalls hat sich die IG Metall die Sympathien weitester Kreise verscherzt. Die Tonart, mit der sie weitere Lohnverhandlungen zunächst unmöglich gemacht hat, ist auch in gutwilligen Kreisen bitter genug aufgenommen worden. Wiederholt wurde in den legten Jahren von beiden Partnern der Mitbestimmung auf den Hauptversammlungen vieler Unternehmen die gute Zusammenarbeit in Aufsichtsräten und Vorständen betont. Es müßte also möglich gewesen sein – wenn man tatsächlich verhandlungswillig sein sollte, daß so wichtige Dinge wie die Löhne in der Schlüsselindustrie nur von solchen Männern verantwortlich erörtert werden, die die wirtschaftlichen Zusammenhänge übersehen und zu beachten bereit sind, und die eine Sprache führen, die der Bedeutung und Verantwortung ihrer Stellung gerecht wir. Die gedankenleere Phraseologie nach dem Beispiel der Stuttgarter Rede von Otto Brenner ist nicht geeignet, Meinungsverschiedenheiten einer guten Lösung entgegenzuführen.