Über den internen Betrieb des Journalismus herrschen oft recht vage Vorstellungen. Es gibt bei uns keine Literatur, die sich mit dem Thema befaßt, wenn wir von Gustav Frey tags altem Lustspiel absehen, das bei aller Lust immerhin doch einiges vom Berufsethos anklingen läßt. Freytags Redakteur Konrad Bolz, fanatischer Zeitungsmann und seinem Blatt mit Leib und Seele verhaftet, bleibt letzten Endes der Idealist, derer war, weil seine politische Oberzeugung sich mit der seines Chefs deckt. Wäre dies nicht der Fall, würde vielleicht aus dem Lustspiel eine Tragödie geworden sein, ähnlich der in dem Buch von

Charles Wertenbaker "Die Herren der öffentlichen Meinung". Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg. 488 S., 19,80 DM.

Der Autor negiert in seinem "Roman" bewußt den Grundsatz aller im Dienst der öffentlichen Meinung Stehenden, unter keinen Umständen sich selbst zu idealisieren oder – zu exhibitionieren. Er tut das Gegenteil aus einer Situation heraus, die in der Unterhaltung zwischen Robert Berkeley und seinen Kollegen mit den Worten umrissen wird: "Wenn eine Sache, der man sich zugehörig fühlt, auf unrechte Wege gerät, so ist es nur loyal, dagegen anzugehen." Robert Berkeley ist Charles Wertenbaker, der Mann, der fünfzehn Jahre lang beim nordamerikanischen Nachrichtenmagazin "Time" an verantwortlicher Stelle tätig war und der seinen Abschied nahm, als er die Politik seines Chefs Henry Luce aus Gründen der Selbstachtung nicht länger mitverantworten konnte. Trotzdem handelt es sich bei dem Buch um keinen Schlüsselroman. Die Figuren sind, wie Wertenbaker selbst in einer Vorbemerkung versichert, frei erfunden, ebenso die Zeitschrift "Pharus", der Schauplatz des fragwürdigen Geschehens. Wer aber könnte sich völlig distanzieren von einer Sache, der er änderthalb Jahrzehnte seines Lebens geopfert hat, der er verfallen war? So gesehen, beruhen Wertenbakers Schilderungen doch auf Wirklichkeit, auch wenn diese Wirklichkeit sich tarnt.

Der Gang der Handlung: Fünf junge Journalisten treffen sich, man schreibt das Jahr 1935, in der Wohnung ihres Herausgebers Louis Baron, um mit ihm zusammen den Begriff der Freiheit zu diskutieren, die sie von ihrer eigenen Bastion, der einflußreichen Zeitschrift "Pharus" aus verteidigen. Vielleicht mißtrauten sie ihrem Chef schon damals, denn: "Sie wollten ihr Talent nicht einfach dazu hergeben, einen Profit zu erzielen, mochte dieser Profit auch noch so groß sein." Es gelingt Louis Baron, sie zu beschwichtigen. "Nennt uns Könige der Revolution", ruft er ihnen zu, bevor sie alle wieder an ihre Arbeit gehen. Diese Arbeit reflektiert das Leben der Vereinigten Staaten von Nordamerika, ihre Innen- und ihre Außenpolitik vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg. In ihr spiegelt sich aber auch das Leben der auftretenden Personen selbst, Männer wie Frauen, die sich im Kontakt mit "Pharus" vor Entscheidungen gestellt sehen, wie sie dem Normalbürger gemeinhin nicht zugemutet werden. Solange es um den Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus geht, sind sich alle einig. Das Schwergewicht der Handlung ruht auf der Berichterstattung über die Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen und im Weißen Haus in Washington. Damals noch war Rußland Hauptverbündeter der USA. Prokommunistische Einstellung bedeutete noch kein Staatsverbrechen. Später wendete sich das Blatt. Die jungen Leute, die sich einstmals der sozialen Revolution verschrieben hatten, mußten nach Beendigung des Krieges erkennen, "daß diese Revolution nie endgültig gewonnen werden kann. Aber sie kann verraten werden durch brutale Gewalt, und so haben dann auch die russischen Machthaber sie verraten". Das sagt Berkeley zu seinem alten Freund und Chef Louis Baron, als es darum geht, für seine Kollegen einzutreten, die zwar keine Kommunisten sind, die aber auch nicht den neuen Kurs einer strengen McCarthy-Loyalität mitmachen wollen, wie er neuerdings seitens der Pharusleitung exerziert wird. Die Persönlichkeit Louis Barons erweist sich aber als durchaus konjunkturanfällig. Zwischen seiner beruflichen und seiner privaten Lebensauffassung klaffen keine Abgründe – er deckt seine Redakteure nicht mehr und zwingt sie so, entweder ihre Überzeugungen zu verleugnen oder ihren Beruf zu opfern. Wertenbakers Verdienst besteht nun darin, ganz klar herausgestellt zu haben, daß solch ein Konflikt keine interne Angelegenheit zwischen den Beteiligten mehr ist (wie es zum Beispiel eine Meinungsverschiedenheit zwischen Chef und Angestelltem eines Industriebetriebes wäre), sondern notwendigerweise Spiegelbild eines Konfliktes, der die gesamte Öffentlichkeit meist gleichzeitig aufrührt,

Abschließend bleibt zu sagen, daß es sich bei Wertenbakers Roman, der im Grunde ein Tatsachenbericht ist, um ein Zeitbild voller Problem matik handelt: darum nämlich, weil hier zum erstenmal in Romanform die tiefe Fragwürdigkeit öffentlicher Meinungsbildung aufgedeckt wird.

Heinz Hell