Leser werden ist nicht schwer. Mein sechsjähriger Bub hat es in weniger als einem Jahr gelernt, und jetzt liest er Grimms Märchen so geläufig wie unsereiner.

Leser sein dagegen sehr! Ich schrieb etwas über die ausgegrabene Römerstadt Ostia und verglich ihr Schicksal mit dem Pompejis: "Pompejis Leben endete mit einem Schlag, durch die erfreulichste Katastrophe der Geschichte hat es der Vulkan für uns konserviert. Ostia starb jahrhundertelang, es erstickte in Sand und Sumpf und atmete kaum noch, als die Goten ihm den Gnadenstoß versetzten. Die folgenden Generationen wrackten es ab und schlachteten es aus."

Es wurde gedruckt, und kaum war es erschienen, als einige entsetzte Leser sich meldeten, die sich über den Ausdruck "erfreulichste Katastrophe" sehr aufgeregt hatten.

Hielten sie mich für einen Unmenschen, der sich noch nachträglich am Unglück der Pompejaner weidete und mit neronischer Lust das schaurige Ende der Stadt besah?

Ärzte pflegen von einer "schönen Krankheit" zu reden. Freuen sie sich am Unglück des Patienten? Oder wollen sie sagen, dies sei ein lehrreicher Fall für die Wissenschaft?

Es gibt keine schöne Krankheit und keine erfreuliche Katastrophe. Wo also von dergleichen die Rede ist, muß ein unpedantischer Gedankengang vorliegen, den man mit dem Schrittzähler nicht messen kann: Wohl aber ist es schön und erfreulich, wenn ein Krankheitsfall pathologische und eine Katastrophe historische Tatsachen bloßlegt zum Nutzen aller, und da das Unglück nun doch einmal geschehen, der Patient erkrankt, Pompeji vernichtet ist, darf man sich wenigstens freuen, wenn das Schicksal mit der gleichen Hand, die zuschlug, uns allen ein Geschenk macht. Im Fall Pompejis war es von unermeßlichem Wert. "Die alte Welt steigt aus ihrer Gruft ans Licht, so vollkommen bildhaft und greifbar, daß man nirgends so wie in Pompeji das seltsame Nähegefühl hat, mit dem man das Altertum erst verstehen und beurteilen kann" – es ist genau, wie Maiuri schreibt.

Ja, höre ich, wenn du es so sagst, ist keine Mißdeutung möglich, aber wie viele Worte hast du gebraucht! Das hast du nun von dem Versuch, einen zweischichtigen Gedankengang in eine aphoristische Kurzformel zu pressen!