J. B., Wien, im Oktober

Österreich hat eine Reihe von Wirtschaftsverträgen mit der Sowjetunion abgeschlossen und wird in nächster Zeit in Moskau eine Außenhandelssteile errichten. Wie sind nun seine Aussichten im Osthandel wirklich, an die sich soviel kommerzielle Hoffnungen und politische Befürchtungen knüpfen?

Man muß von den Realitäten ausgehen. Mit den Staaten im sowjetischen Vorfeld besteht ein begrenzter Warenaustausch, der unbeschadet der neuen österreichischen Abkommen mit der UdSSR selbst weitergehen dürfte und ein knappes Zehntel der österreichischen Einfuhr und Ausfuhr bedeutet. Mit der Sowjetunion, direkt ist bis vor kurzem so gut wie kein offizieller Warenaustausch erfolgt; in welchem Ausmaß über die sowjetisch beherrschten Betriebe in Ostösterreich (über die durch zehn Jahre der österreichischen Souveränität entzogener Ostgrenze) ein illegaler Außenhandel erfolgt ist, läßt sich schwer abschätzen.

Nun hat aber das "Russengeschäft" zuerst einmal mit den weltbekannten Abfindungslieferungen begonnen, die Österreich ein Jahrzehnt hindurch leisten muß. Diese Abfindung für das "Deutsche Eigentum" in Ostösterreich kann allerdings nicht als Handel angesehen werden. Es sind getarnte Reparationen, die in jedem der nächsten sechs Jahre für die USIA-Ablösung 25 Mill. $ (in Waren, darunter jährlich 200 000 t Erdöl) und außerdem zehn Jahre hindurch als Ablösung für das Erdölrevier etwa 18 Mill. $ (nur in Erdöl) betragen sollen, zusammen also zunächst durch sechs Jahre jährlich 43 Mill. $, d. s. gut 1100 Mill. S. Hier nehmen aber sozusagen Güter auf einer Einbahnstraße den Weg nach Osten, ohne daß dafür etwas ins Land kommt. Daß in den Abfindungslieferungen Erdöl den wesentlichsten Posten darstellt, ist an sich günstig, da Österreich für diesen neugewonnenen Reichtum zunächst in der anderen Welt keinen Käufer hat, zumal man ihn nicht durch Pipelines (die ja feilen) in einen verkehrsgünstigen Hafen leiten kann. Die anderen Reparationskontingente enthalten vorwiegend Güter, die bisher in den USIA-Betrieben erzeugt wurden; so dürfte z. B. die Kunstseidenfabrik in St. Pölten mit der gesamten Kapazität für die UdSSR arbeiten. Es zeigt sich aber schon bei Beginn der Lieferungen, daß die Sowjets sehr anspruchsvoll sind, sowohl was die Qualität als auch was die Preise betrifft; die neuen Verwalter der ehemaligen Sowjetbetriebe haben ihre liebe Notmit den Sowjetkommissionen, in denen die früheren sehr gut eingearbeiteten Verwalter derselben Unternehmen als Berater sitzen. Zum Glück ist eine Dollarzahlung möglich, wenn es mit den Warenlieferungen nicht klappt; so ist man also überspitzten Anforderungen nicht ausgeliefert...

Zur Abwicklung der Reparationslieferungen wurde eine eigene Stelle gegründet, deren Name schon symtomatisch für die augenscheinlich sehr peinliche Bürokratie dieses Bereiches ist, denn sie heißt: "österreichische Kommission für Warenlieferung zur Ablösung des Vermögens, das Österreich übergeben wird." Vorsitzender ist der Bundeskanzler, die technische Durchführung obliegt der neugegründeten "Gesellschaft für Warenlieferungen m. b. H.", die von Ministerialrat Dr. Preglau geleitet wird.

Diese Tributlieferungen sind dem Schillingwert nach in den nächsten sechs Jahren beinahe doppelt so hoch als die sofort vereinbarte kommerzielle Ausfuhr nach der Sowjetunion, die durch sowjetische Warenlieferungen abgegolten werden soll. Ein diesbezügliches Abkommen über Warenaustausch und Zahlungsverkehr wurde vor längerer Zeit unterzeichnet; es ist aber erst dieser Tage zusammen mit dem jetzt abgeschlossenen Vertrag über Handel und Schiffahrt in Kraft getreten. Auf Grund dieses neuen Vertrages räumen Österreich und die UdSSR einander die Meistbegünstigung in Handel und Schiffahrt ein. Ferner wurden Vereinbarungen über die gegenseitige Anerkennung der Rechtspersönlichkeiten juristischer Personen sowie die Nationalität der Handelsschiffe getroffen. Der Vertrag enthält außerdem Bestimmungen über die fakultative Schiedsgerichtsbarkeit bei anfallenden Streitigkeiten. Ein besonderes Abkommen über die Donauschiffahrt und den Luftverkehr soll noch abgeschlossen werden. Die Liste für den kommerziellen Warenaustausch wurde genug umfassend zusammengestellt. Es ist heute noch schwer zu sagen, wie diese neuen Geschäftsverbindungen in der Praxis funktionieren werden; zunächst muß erprobt werden, in welchem Ausmaß sowjetische Kohle in der österreichischen Wirtschaft verwendbar ist, denn frühere Erfahrungen mit kleineren Proben waren nicht günstig. Wesentlich könnten die sowjetischen Getreidelieferungen werden. Für Baumwolle wurde nur ein Jahreskontingent von 4000 t vereinbart, da handelspolitisch und in der Produktion zu starke Bindungen an Baumwolle anderer Provenienz gegeben sind (auch zahlt man die Baumwollbezüge aus den USA über einen Kredit der Export-Import-Bank erst ein Jahr nach der Lieferung).

Jedenfalls kommt auf diese Weise ein dynamisches Element in den österreichischen Außenhandel. Hatte Österreich in weit stärkerem Ausmaß als irgendein Land westlich des Eisernen Vorhangs nach dem Krieg eine Umstellung seiner Ein- und Ausfuhr auf den Westen zu vollziehen, so ergibt sich jetzt wieder eine starke Wendung zum Osten, die allerdings – besonders im Ausland – in ihrer Bedeutung stark überschätzt wird.

Auch unter der Annahme der vollen Erfüllung aller Verträge durch Warenlieferungen bleibt der künftige Ostanteil am österreichischen Außenhandel weit hinter dem bestehenden Warenaustausch mit Westdeutschland zurück. Gemessen am jüngsten Gesamtvolumen des österreichischen Außenhandels, ergibt sich ein Ostanteil von etwa 18 v. H. der Gesamtausfuhr; in Wirklichkeit wird es prozentmäßig weniger sein, weil ja die Erdölausfuhren zur bisherigen Exportsumme hinzuwachsen. In der Einfuhr kommt man auf einen Ostanteil von 11 v. H. Hier ist vielleicht anzumerken, daß zwischen 1928 und 1932 die kleinen Oststaaten allein (ohne Jugoslawien und natürlich auch ohne Ostdeutschland gerechnet) mit 42,5 v. H. an der österreichischen Einfuhr und mit 32,2 v. H. an der Ausfuhr beteiligt waren.