Eine repräsentative Eröffnungswoche vereinigte im neuen Haus der Hamburger Staatsoper mit einem Werk von Mozart und zweien von Verdi drei lebende Komponisten deutscher Zunge: Werner Egk, Ernst Krenek und Carl Orff. Egks "Irische Legende" erklang zum erstenmal auf einer deutschen Bühne, Kreneks Oper "Pallas Athene weint" erlebte die Uraufführung. Nach der Selbstkritik des Komponisten in seiner 1948 deutsch erschienenen "Selbstdarstellung" gewinnt Musik von Krenek neben der persönlichen eine allgemeine Bedeutung. So darf es als bezeichnend gelten, daß auch nach der Wendung zum Schönbergschen, Prinzip der Reihentechnik diese von Krenek mit subjektiver Freiheit angewandt und abgewandelt wird. Dennoch erscheint sogar Kreneks Vollblutnatur in der Oper "Pallas Athene weint" als Gefangene des Systems.

Thematisch erstrebte der Komponist in seinem selbst verfaßten Libretto geistige Gegenwartsnähe. Die Niederlage Athens im Peloponnesischen Krieg, die Rivalitäten um die militärische Führung, Gegensätze zwischen Militarismus und radikalem Pazifismus, von Freiheit und Tyrannis, solche Themen werden diskutiert in einer auf Wortverständlichkeit angewiesenen Handlung. Ihre Zentralgestalten sind der glänzende, aber skrupellose Individualist Alkibiades, der königliche Zwingherr Spartas und Sokrates, der Philosoph. Dessen Lehre wurde von seinen Schülern in der Praxis mißdeutet, so daß Sokrates so etwas wie eine stellvertretend tragische Verantwortung übernimmt und stirbt. Tragische Stimmung ist der Lebensgrund des Werkes. Am bannendsten gewinnt sie Gestalt in der einleitenden Szene, als Athene in Elysium über ihre Stadt und den Tod des Sokrates weint. Der "ungeheuere Klagelaut" beschließt auch als zwölftöniger Akkord das Werk, in dessen Mitte die Trauermusik um Alkibiades stärker ergreift. So verständlich dank raffinierter Instrumentierung das sinntragende Wort bleibt, die dramatischen Gestalten und die meisten Szenen haben keine musikalisch transparente Form. In einem Übermaß an rezitativischer Deklamation ersticken Ansätze zu musikalisch schärferer Charakterisierung ebenso wie die dramaturgische Differenzierung. Von den erwähnten Höhepunkten abgesehen, bleibt als ermüdender Gesamteindruck eine Wort-Ton-Rezitation, die zuweilen expressiv ausschwingt, aber auch klanglich durch eine nur selten aufsplitternde Sprödigkeit gekennzeichnet ist. Kreneks Anliegen, antike Typik gegenwartsnah in musikalisch-dramatische Gestalt zu bannen, ist in seiner vor Jahren in Köln aufgeführten Tarquinius-Oper knapper, überzeugender gelungen.

Wenn der Komponist, der jetzt in Los Angeles lebt, sich in der Hamburgischen Staatsoper persönlich sehr gefeiert sah, so hatte er selber viel den Kräften der Wiedergabe zu danken. Der Dirigent Leopold Ludwig und der mit besonderen Problemen beladene Chorleiter Günter Hertel leisteten das Äußerste an Aufschließung und Intensivierung der klippenreichen Partitur. Sängerisch blieb kaum ein Wunsch offen, wenn auch der Alkibiades von der Erscheinung her fehlbesetzt war. Ein Ehrenabend war die Premiere für Günther Rennen: welch kongenialen, noch den sprödesten Vorwurf zum Leben aufgehenden Regisseur besitzt an ihm die moderne Oper! Alfred Sierckes Szenerien gingen trotz stellenweise zwingender Visionen bis an die Grenze, wo bildhafte Abstraktion in nur zeichenhafte Dekoration umzuschlagen droht. J. J.