Gewiß gibt es genügend Anlässe, sich über die Deutschen zu ärgern: weil sie ihren Aufstieg so sehr genießen oder ihren Niedergang so rasch vergaßen, weil die Politiker so feierlich, die Professoren so ernst oder die Journalisten (wie überall) so besserwisserisch sind. Jeder mag nach Herzenslust Anstoß nehmen, wo immer es ihn freut. Aber darf man dort Anstoß nehmen, wo es sich um Menschen handelt, die jenseits aller bürgerlichen oder nationalen Kategorien von einem schweren Schicksal gezeichnet sind?

Die französische Zeitung L’Express (Herausgeber und geistiger Vater Mendès-France) veröffentlichte am 19. Oktober auf der Titelseite das Bild einer Gruppe von deutschen Heimkehrern, die – entblößten Hauptes, die Mütze in den übereinandergelegten Händen – ein Lied singen. Es war eine Aufnahme der Bildagentur Associated Press, die überall, auch in Deutschland, vertrieben wurde mit der Aufschrift "Photo zeigt eine Gruppe von Heimkehrern in strömendem Regen beim Singen des Chorals ‚Nun danket alle Gott‘ Im L’Express aber lautete die Unterschrift: "Einige von ihnen, so scheint es, haben in ihren Lagern nichts dazugelernt und auch den alten Nationalismus nicht vergessen. Ihr erster Reflex ist, ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ zu singen".

Nun, die Reflexe der Menschen sind verschieden. Wir haben Photos gesehen von Amerikanern, die aus chinesischer Gefangenschaft heimkehrten und die den Boden der Heimat küßten – eine Geste, die man nach allem, was sie hinter sich hatten, gut verstehen kann. Die deutschen Heimkehrer, die meist ohne Hoffnung, jemals die Heimat wiederzusehen, zehn Jahre und länger in sowjetischen Zwangslagern zugebracht haben, wo sie Jahr für Jahr Tausende von Kameraden sterben sahen, und die nun doch zu Hause angelangt sind, sangen den Choral "Nun danket alle Gott". Ist es nicht erbärmlich, wenn jemand dazu keine anderen Worte findet, als Redensarten von schulmeisterlicher Demagogie? Angesichts der Rückkehr dieser Menschen (es mögen unter ihnen einige dubiose Erscheinungen sein, das tut hier nichts zur Sache), die nicht etwa bloß am Rande des Abgrundes standen, sondern jahrelang in der Einsamkeit des Abgrundes gelebt haben? Welch kläglicher Reflex!

In diesem Fall also sangen die Heimkehrer nicht "Deutschland, Deutschland über alles". Im allgemeinen aber haben sie beides gesungen: jenen alten Choral, mit dem die Soldaten Friedrichs des Großen einmal die Order ihres Königs, stille zu schweigen, übertönten, und das Deutschlandlied, das Hoffmann von Fallersleben im Jahre 1841 dichtete – nicht aus Nationalismus dichtete, sondern aus Sehnsucht nach einem einigen Deutschland und nach der Überwindung der damaligen Kleinstaaterei. Warum wohl sollte es den zurückkehrenden Kriegsgefangenen verwehrt sein, das Lied zu singen, das Friedrich Ebert 1919 zur Nationalhymne erklärte? Dff