N -N., Sydney, im Oktober

Auch das freundliche südpazifische Neuseeland ist den Schattenseiten der Hochkonjunktur nicht entgangen. Die relative Stabilität seiner Wirtschaft im Jahre 1954 hat nicht lange angedauert. Seit der Jahreswende mehren sich die Anzeichen der neuen Überanstrengung und des Inflationsdruckes als Folge der gesteigerten Wirtschaftsaktivität. Der Umfang der Kapitalinvestierungen hat sich verstärkt, und die Nachfrage nach Arbeitskräften und Material übersteigen die verfügbaren Quellen des Landes. Das hohe Verdienstniveau hat die Ausgaben für die täglichen Gebrauchsgüter erhöht, was zu einem Importboom führte. Die Zahlungsbilanz des Landes ist dadurch im Finanzjahre 1954/55 passiv geworden.

Die Vollbeschäftigung dauert an. In der Periode vom April 1954 bis Ende März 1955, also für die Dauer des neuseeländischen Finanzjahres, ist die neuseeländische "Labor Force" um 13 000 Personen angestiegen. Die Einwanderung hat mit 6000 dazu beigetragen. Von diesem Arbeiterzuwachs hat vor allem die Industrie und der Bau Nutzen gezogen. Der Arbeitsmarkt in der Landwirtschaft ist dagegen stabil geblieben, und die guten Produktionsgewinne in den drei wichtigsten Exportartikeln Neuseelands (Wolle, Milchprodukte und Fleisch) sind mit fast derselben "Farm Labor Force" dank günstiger Witterungsverhältnisse und besserer Anbaumethoden erreicht worden.

Die Wollproduktion der Saison 1954/55 hat mit 455 Mill. lb einen neuen Rekord aufgestellt, der mit 6,8 v. H. über den letztjährigen von 426 Mill. lb steht. Um 2 v. H. mehr Milchprodukte sind dieses Jahr auf den Markt gekommen, und bei der Fleischproduktion geben die vorläufigen Zahlen 625 000 t an, gegenüber 590 000 t vor einem Jahre. Die gesteigerte landwirtschaftliche Produktion hat jedoch keinen Ausdruck in einem höheren Exporteinkommen gefunden. Ganz im Gegenteil ist dieses von 207 Mill. £ im Finanzjahr 1953/54 auf 181,6 Mill. £ im Berichtsjahr zurückgegangen. Gründe hierfür liegen in der geringeren Ausfuhrmenge von Butter und Käse, wie vor allem in den Maßnahmen Englands, von den Regierungskäufen zum privaten Handel umzuschalten. Dabei kam es zu den Verspätungen in den Zahlungen.

Dem zurückgegangenen Export steht der stark aufgeblähte Import gegenüber, der von 175,3 Mill. auf 232,1 Mill. £ angewachsen ist. Diese Zahlen beziehen sich lediglich auf den privaten Import. Der Regierungsimport wird separat ausgewiesen und umfaßt hauptsächlich Kapitalgüter für öffentliche Arbeiten. Er wurde im Berichtsjahr 1954/55 auf das Minimum von 20,8 Mill. £ beschränkt, gegenüber 25,1 Mill im Vorjahre 1953/54.

Daß die Zahlungsbilanz von Neuseeland, trotz; dieser starken konträren Bewegung im Export und Import, für das Jahr 1954/55 nur mit einem Defizit von 34,9 Mill £ abgeschlossen hat, ist der günstigen Entwicklung des unsichtbaren Zahlungsverkehrs zu verdanken. Die aktive Kapitalbewegung hat die Einkünfte von 31,7 Mill. auf 58,2 Mill. £ erhöht, vor allem dank dem großen Anleiheprogramm des Landes in Übersee. Der Londoner Markt hat dazu 10 Mill £ beigetragen. Die Commonwealth Development Finance Co Ltd., die im Anschluß an die Wirtschaftskonferenz des Commonwealth im Dezember 1952 ins Leben gerufen worden war, hat für 2,5 Mill. £ Schuldscheine und für 500 000 £ Aktien der Tasman Pulp and Paper Company übernommen. Weitere Aktien dieses Unternehmens in Höhe von 1,5 Mill. £ hat eine große englische Firma der Papierbranche bezogen. Mit der US-Export-Import Bank wurde ein Abkommen getroffen, nach welchem diese 16 Mill. $ für das größte Vorhaben von Neuseeland, das Murupara-Projekt, zur Verfügung stehen wird. Die Anleihe soll für die Finanzierung des Ankaufes der Kapitalgüter in den Vereinigten Staaten benutzt werden.

Es ist klar, daß die gegenwärtigen Geldausgaben für überseeische Waren weit über der Verdienstfähigkeit aus dem Export stehen. Die neeseeländische Regierung verfolgt daher die Politik der Reduktion der internen Nachfrage nach Waren und Diensten durch Eingriffe in die monetäre Sphäre, und geht weniger darauf aus, den Importstrom durch negative restriktive Kontrollmaßnahmen zu hemmen. Das Ziel der Regierung liegt darin, die Geldausgabe sowohl für die Gebrauchswaren wie auch für die Kapitalgüter einzuschränken, und so die milden Inflationselemente in Schach zu halten. Es ist charakteristisch für den Zustand der Wirtschaft, daß die Anleihen der Banken in der Periode von 14 Monaten zwischen März 1954 und Mai 1955 von 149 Mill. auf 187 Mill. £ hinaufgeklettert sind. In der Verfolgung ihrer Politik hat die Regierung ihre eigenen Ausgaben bereits auf ein Minimum zurückgedrängt. Die Bankliquidität, und damit die Fähigkeit, Kredit zu gewähren, wurde in den vergangenen Monaten nach und nach immer mehr eingeengt, indem die neuseeländische Reserve Bank die von ihr gebundenen Aktiven der Handelsbanken dreimal kurz nacheinander erhöhte: am 2. Juni, am 1. Juli und am 1. August. Die "eingefrorenen Reserven" des Banksystems wurden dadurch auf die Höhe von 54,8 Mill. £ gebracht. Hand in Hand mit der Krediteinschränkung wurde auch die Kontrolle der neuen Kapitalemissionen bedeutend verschärft. Das neue Budget 1955/56 ist auf dem antiinflationistischen Wege noch weiter gegangen. Die Normen für das Hire-Purchase-Business (das Ratengeschäft) wurden stark eingeengt. Das Minimum-Deposit für Autos und andere Waren wurde erhöht: auf 50 v. H. bzw. 15 v. H. des Ankaufspreises, und die maximale Rückzahlungsperiode auf 18 bzw. 24 Monate festgelegt. Die speziellen Amortisationsabschreibungen für Handelshäuser wurden aufgehoben. Und schließlich hat sich die Regierung dazu entschlossen, einen Teil der öffentlichen Arbeiten aus den laufenden Einnahmen und dem Überschuß aus dem letzten Jahre zu finanzieren.