Von Peter v. Zahn

Washington, im Oktober

Meine Finger zittern, und meine Hände sind lahm. Daran ist der kleine Traktor schuld, den ich mir – zweiter Hand, versteht sich – gekauft habe. Zur Zeit bekämpfen wir das dich:e Gestrüpp im Bachgrund. Aber ach, es ist ein ungleicher Kampf. Meistens liege ich unten, um nachzusehen, warum alles Öl ausläuft, oder um zwischen giftigem Efeu nach einer Schraube zu suchen, ohne die es nicht weitergeht. Wenn es weitergeht, geschieht dies sehr plötzlich. Ich werde von meinem Traktor aus den Brennesseln in die Brombeerranken gejagt oder rückwärts gegen den Zaun geklemmt, ohne daß ich mich wehren könnte.

Im vergangenen Jahr kam mein Nachbar mit seinem Traktor und brachte unser Grundstück für vierzig Dollar in ein paar Stunden in Ordnung. Brombeerranken, . Brennesseln, giftiger Efeu und alles Unkraut Verschwanden im Nu. Irzwischen habe ich mir für das Vielfache an Dolar mein eigenes Gerät gekauft und schufte in meiner freien Zeit wie ein Berserker. Ich könnte mit dem Ding, wenn ich es beherrschte, pflügen und eggen, mähen und sägen und Gott weiß wss noch, und ich werde das alles auch mit der Zeit lernen, aber ich werde viel Lehrgeld zahlen müssen in Form von Schweiß, Dollars und – Arztrechnungen. Es ist gefährlich, in einem Lande zu leben, wo jeder den Ehrgeiz hat, alles selber zu tun.

Uns gegenüber baut ein Mädchen in mittleren Jahren ein Haus. Sie begann im Frühjahr und fällte einige Dutzend Bäume, rodete die Stubben, lichtete das Dschungel von wildem Geißblatt, brannte das Unterholz nieder und zerlegte die Stämme in Stücke, die Balken und Dachsparren ziemlich ähnlich sehen. Mit einer kleinen Motorsäge tat sie das meiste, aber sonst war’s eine Arbeit, wie sie ihre schottischen Vorfahren vor zweihundert Jahren in dieser Gegend Virginias auch nicht viel anders verrichtet haben. Von dem Haus sieht man noch nichts – schließlich sitzt das Mädchen wochentags im Büro. Aber man wird es in einen Jahr sehen. Ich weiß das, denn ich habe meinen Freund Dean beobachtet, wie schnell er sein Haus aus einer roh zusammengeschlagenen Blockhütte entwickelte – er schnitt ebenfalls die Dachfirsten aus selbst geschlagenen Bäumen. Heute hat er sechs Zimmer, Bad und Küche unter Dach und Fach. Als er den Brunnen bohrte, hätte er sich beinah selbst in die Luft gesprengt.

Europäer neigen zu der Frage: Darf er denn das? Er darf. Er darf auch seine Lichtleitung selbst legen und sich Kraftstrom zulegen, ohne die Baupolizei zu fragen. Man steht offenbar in der Neuen Welt auf dem Standpunkt, daß sich jeder soviel elektrische Schläge versetzen soll, wie er verdient. Niemand erkundigt sich nach den Kenntnissen in Elektrotechnik, Statik und Hydraulik. Kein Obermeister der Klempnerinnung hat etwas einzuwenden, wenn Dean seine eigene Kanalisation baut. Ja, so verdreht ist in dieser Welt des Selbermadiens das Verhältnis zwischen Mensch und Zunft, daß sich Dean, kaum hatte er die letzte Dynamitpatrone für den Brunnen verschossen, für drei Dollar Einschreibgebühr in die Gilde der Installateure aufnehmen ließ. Und zwar ausschließlich zu dem Zweck, dadurch in den Genuß des Großhandelsrabatts beim Bezug einer Wasserpumpe zu gelangen. Eine Prüfung brauchte er selbstverständlich nicht abzulegen; ein Wunder war es nur, daß er nicht auch die Pumpe selbst baute.

Wer ein guter Amerikaner sein will, der macht alles selbst. Auch wenn seine Wiege in Europa stand, kann er sich dieser eigentümlichen Sucht – um nicht zu. sagen Seuche – nur mit Mühe erwehren. Die Fensterscheibe zerbrochen? Setz doch selbst eine neue ein – nach einem Glaser zu suchen, wäre hoffnungslos. Das Schlafzimmer tapezieren? Oh, da gibt es doch diese herrlichen Tapeten in Rollen zu 90 Zentimeter breit. Man feuchtet die Rückseite mit Wasser an und klebt sie auf, und nach der zweiten Wand hat man vielleicht schon gelernt, wie Runzeln und Falten vermieden werden. Do it yourself – das ist die Losung. Mach es selber! Unsere Familie hat in vierjährigem hartem Training gelernt, verstopfte Abflußrohre und schadhafte Wasserleitungen zu reparieren, Parkett zu legen, Zimmerdecken zu weißen, Häuser anzustreichen, das Klavier so zu stimmen, daß es selbst ein berufsmäßiger Klavierstimmer kaum mehr in die Reihe bringen kann; Zaunpfähle zu setzen, Fernsehapparate durch Klopfen an bestimmten Stellen mit der Faust zur Räson zu bringen, Meißner Porzellan zu kitten, Lüftungsanlagen einzurichten und Hunden Entlausungskuren zu geben. Wir sind in all diesen Dingen nicht perfekt, aber wir wissen uns zu helfen. Wir sind beileibe keine Fanatiker des Selbermachens. Aber wir haben Handwerkerrechnungen gesehen, daß uns die Haare zu Berge standen.