n. h., Eisenach

Darüber brauchen wir gar nicht zu streiten", erklärte uns ein führender FDJ-Student: "Die DDR ist eine Diktatur. Natürlich sorgen wir mit allen Mitteln dafür, daß unsere Kommilitonen ideologisch gefestigt werden. Zugegeben, wir sind noch nicht so weit. Aber immerhin denkt schon ein Viertel meiner Seminargruppe genau wie ich." Ein anderes Viertel seien Gegner des Systems, die übrigen unentschieden. Es war schon spät; der freigebig gespendete Tokayer war reichlich geflossen in der gemütlichen Halle des "Thüringer Hofes" am "Platz der deutsch-sowjetischen Freundschaft" in Eisenach. Hatte der Wein dem Studenten aus Jena die Zunge gelöst?

So offene Worte waren selten sonst bei den Ostzonalen auf dem "Wartburgtreffen der deutschen Studenten", das vom 14. bis 16. Oktober Kommilitonen aus beiden Teilen Deutschlands zusammenführte, etwa 150 Westdeutsche, die jeder auf eigene Faust kamen, und etwa 300 aus der Ostzone, die von den FDJ-Hochschulleitungen sorgfältig ausgewählt worden waren.

Worüber sprach man auf der Tagung? Bei den Juristen dozierte Dr. Böninger aus Leipzig über "Die Souveränität der DDR und die deutsche Wiedervereinigung". Da hagelte es nicht nur Schimpfworte wie "Mordbande", "Faschisten-" und "Militaristenclique" auf die Männer der Bundesrepublik, auch die Methodik, der logische Aufbau, Definitionen, Zitate waren ein Hohn auf wissenschaftliche Objektivität. Nur die DDR sei wirklich souverän, hieß es, weil das Warschauer Abkommen im Gegensatz zu den Pariser Verträgen einem wiedervereinigten Gesamtdeutschland in seiner Bündnispolitik freie Hand lasse. Freie Wahlen? "Die DDR vertritt die wahren Interessen der Arbeiter und Bauern. Da die Interessen der Arbeiter und Bauern die des ganzen Volkes sind, ist auch nur die DDR berechtigt, im Namen des ganzen deutschen Volkes zu sprechen."

Schwieriger ist es, naturwissenschaftliche Themen politisch auszuschlachten. Man tat es unter dem Thema "Die friedliche Anwendung der Atomenergie". Während die friedliebende Sowjetunion Gebirgszüge in die Luft sprengte, um Lebensraum für die Werktätigen zu schaffen, dienten die amerikanischen Versuche nur dazu, den "Dollarimperialisten" eine neue Waffe in die Hand zu geben. Die westdeutschen Studenten standen fassunglos vor dieser Methode, Wissenschaft zu treiben, und sie fragten sich, ob dies wohl auch zu den Errungenschaften gehöre, die bei einer Wiedervereinigung nicht aufgegeben werden könnten?

Die Unzufriedenheit der westdeutschen Studenten machte sich dann auch bei der Abschluß Veranstaltung am Sonntag Luft. Da sie unter dem Motto "Gaudeamus igitur" stand, erhofften sie eine unpolitische Atmosphäre. Sie wurden eines anderen belehrt. Man hatte den Westdeutschen einen Tanzabend versprochen, zeigte aber vorher noch ein politisches Kabarett. Adenauers Moskaupolitik, der vielleicht mancher der Anwesenden die Heimkehr eines Verwandten oder zumindest Bekannten verdankt, wurde in plumper und taktloser Weise glossiert. Man experimentierte mit der Geduld der Gäste. Die Luft war schon geladen, als plötzlich durch das Mikrophon die Klänge des Deutschlandliedes klangen, geplärrt mit einem aufreizenden Text. – In diesem Augenblick fielen krachend Stühle um. Die Westdeutschen, alle, standen auf und verließen demonstrativ den Saal. Viel fehlte nicht, und es wäre zu einer Saalschlacht gekommen. Ein Jenaer Dozent drängte sich zwischen die Erregten und versuchte zu beruhigen. Er wurde jedoch niedergeschrien: "Wir verlangen durch dasselbe Mikrophon eine offizielle Entschuldigung für Ihr Verhalten." Ein Teil der Studenten verließ bereits das Haus, als Professoren, Kabarett- und Programmleiter auf der Bildfläche erschienen: "Bitte, bleiben! Wir werden uns mit Ihnen über diesen Zwischenfall unterhalten, wir werden uns Mitschuldigen." Die im Saal inzwischen begonnene Tanzmusik wurde abgebrochen, ein Hamburger betrat die Bühne: "Dieser Vorfall ist für uns alle ein Schlag ins Gesicht, eine Taktlosigkeit unerhörten Ausmaßes. Um unsere Verständigungsbereitschaft trotzdem noch einmal zu beweisen, verlese ich jetzt die am heutigen Mittag gefaßte Resolution der Westdeutschen:

... in der festen Überzeugung, mit unseren Vorschlägen nicht im Widerspruch zum VDS (Verband Deutscher Studentenschaften) zu stehen, geben wir folgende Empfehlungen: 1. Enthaltung jeglicher diskriminierender Äußerungen bei künftigen Treffen, 2. freier Bücher- und Zeitschriftenaustausch zwischen ost- und westdeutschen Universitäten; 3. Freilassung aller aus politschen Gründen inhaftierten Jugendlichen, Studenten und Dozenten; 4. Wahrung, beziehungsweise Aufnahme von Gesetzen zum Schutze der Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen; 5. Offizielle Förderung des Ost-Westkontaktes." Als der Hamburger geendet hatte, trat ein Mitglied des Programmausschusses an seine Stelle, bestritt, von dem Programm Kenntnis gehabt zu haben und bat, den Vorfall vergessen sein zu lassen. Jedermann wußte, daß er nicht die Wahrheit sagte. So steigerte sich die Erregung erneut. Schließlich erschien der Kabarettleiter am Mikrophon: "Wir bitten um Entschuldigung, gerade dies Programm vor Westdeutschen gespielt zu haben ..." Ein Teil der westdeutschen Gäste ließ sich durch diese Zweideutigkeit beruhigen. Unentschlossenheit bestimmte ihr jetziges Verhalten – und die SED konnte sich die Hände reiben. Die anderen verließen zum zweitenmal den Saal, während die Musik wieder einsetzte und ein Teil der Gäste sich bereits vor den Jupiterlampen der DEFA-Wochenschau im Tanz zu drehen begann ...