Es wäre zuviel behauptet, wenn man sagen wollte, daß die Junioren der Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer (ASU), genannt "Junge Unternehmer in der ASU", so etwas wie eine revolutionäre Avantgarde des Unternehmertums Ton heute wären. Damit würde man generelle und grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten zwischen jung und alt innerhalb der selbständigen Unternehmer unterstellen, die so nicht vorhanden sind. Wir trafen auf der Jahrestagung der Jungen Unternehmer in Bad Salzuflen auch Angehörige der älteren Generation, die an vorwärtsdrängendem Elan den Jüngeren in nichts nachstehen. Es wäre aber auch zu wenig gesagt, wenn man in dieser Vereinigung junger Unternehmer nichts anderes sehen würde als eine Zweckorganisation, deren Notwendigkeit sich aus den besonderen Verhältnissen der Nachkriegszeit ergeben hat. Allerdings haben Krieg und Gefangenschaft auch in den Nachwuchs dieses Standes oder Berufes, wie man das nennen will, Lücken des Wassens und der nur aus der kontinuierlichen Praxis kommenden Erfahrung gerissen, die darum besondere Anstrengungen und Maßnahmen angängig erscheinen ließen. Aus dieser Erwägung sind 1950 die ersten "Arbeitskreise Junger Unternehmer in der ASU" gegründet worden. Heute aber ist die Gemeinschaft der Junioren über diese besondere Zweckstellung hinaus zu einem Kristallisationsbecken für alle diejenigen Jungunternehmer (oder solche, die einmal Unternehmer sein werden) geworden, die von einer notwendigen Neuformung des Unternehmerbildes bei sich selbst und in der Öffentlichkeit überzeugt sind.

Es war im Grunde nichts Neues, was man in Salzuflen in Referat und Diskussion zu hören bekam – jedenfalls nicht für denjenigen, der nicht zum erstenmal in diesem Kreise war (Referate: Ernst Joachim Dohany: "Vom Ethos des Unternehmers"; Dipl.-Ing. Alfred Fr. Flender: "Unternehmerische Aufgaben heute und morgen"; Heinrich Krumm: "Die Wiedervereinigung Deutschlands – auch eine wirtschaftliche Aufgabe"; Prof. Dr. H. Schelsky: "Die Zukunftsaspekte der industriellen Gesellschaft"; Bergassessor Dr.-Ing. Hermann Winkhaus: "Was will der Arbeitnehmer?"; Professor Dr. Bergler: "Moderne Absatzwirtschaft"; Professor Dr. Albert Prinzing: "Die 40-Stunden-Woche – Wunsch und Wirklichkeit Ministerialdirektor Dr. Löns: "Die deutschen diplomatischen und konsularischen Vertretungen – Vorposten des Außenhandels"). Und das kann ja auch wohl nicht anders sein. Es wird zwar oft leichthin behauptet, daß wir der Geschlossenheit des östlichen Konzepts nichts ähnlich Schlagkräftiges gegenüberzustellen hätten. Das stimmt nicht. Wir< haben eine solche Konzeption. Sie ist zwar längst noch nicht überall und durchgängig eine Realität, aber sie zieht sich bereits seit Jahr und Tag als roter Faden und "Thema con variazioni" durch Tagungen und Diskussionen als Kern einer neuen Auffassung von der Wirtschaft und der gesellschaftlichen Ordnung. Da gibt es also nichts umstürzend Neues zu sagen, sondern nur zu bestärken und zu klären, nicht zuletzt abzugrenzen gegen mancherlei Übertreibungen, die der Sache mehr schaden als nützen.

In Salzuflen war kurzum viel die Rede vom Ethos und der Verantwortung des Unternehmers gegenüber der Allgemeinheit und von seiner Aufgabe, auch im Raum der Politik mehr als bisher aktiv tätig zu werden. Es würde ja sogar verdächtig sein, wenn das nicht der Fall gewesen wäre – auf einer Zusammenkunft junger oder jüngerer Menschen, die gerade im Hinblick auf die Zukunft sich zusammengeschlossen haben. Wir stehen zwar seit geraumer Zeit in der Gefahr, daß wir dieses so beliebte Tagungsthema zerreden und dem Schlagworttod überantworten. Aber es ist nun eben mal so, daß, wenn wir der östlichen Ideologie etwas Eigenes entgegenstellen wollen, hier der Ansatzpunkt liegt. Deswegen werden wir auch weiter darüber reden müssen, wenn es uns auch manchmal schwer ertragbar erscheinen will. Von hier aus vor allem ist jene so notwendige Auflockerung der sozialpolitischen Diskussion möglich, die eine der Voraussetzungen für die organische Eingliederung des Sozialen in die Marktwirtschaft ist. Ob das gelingt, wird nicht zuletzt auch darüber entscheiden, was aus dem Unternehmer wird.

Wir hatten in Salzuflen den Eindruck, daß die Jungen Unternehmer in dieser Hinsicht keine Illusionen haben. Deswegen sah man auch in dieser Tagung, wo man mehr oder weniger "unter sich" war, nicht die günstige Gelegenheit, in hergebrachter Weise vom Leder zu ziehen und seinem aufgespeicherten Groll gegenüber der anderen Seite Luft zu machen. In Salzuflen wurden nur wenige kritische Bemerkungen an die Adresse der Gewerkschaften gemacht, um so mehr aber an die eigene. Nicht weil man an der Arbeit und den Forderungen der Gewerkschaften nichts auszusetzen hätte, sondern deswegen, weil der Unternehmer in seinen wachen und aufgeschlossenen Teilen sich heute offenbar weitgehend darüber im klaren ist, daß die aus der Vergangenheit herübergeschleppten "Holzhammermethoden" kein Ersatz für neue konstruktive Ideen sind, daß also verhärtete Fronten nicht dadurch abgebaut werden, daß man die eigene Position in ermüdender Wiederholung der gleichen Gegenargumente stark zu machen versucht, sondern dadurch, daß man sie selbstkritisch überprüft und das in das eigene Konzept hineinnimmt, was von den Forderungen der anderen Seite rechtens und billig ist.

Die Gewerkschaften nennen das freilich Taktik, dazu ausgeklügelt, die Solidarität der Arbeitnehmer zu sprengen. Der Chronist der sozialpolitischen Entwicklung stellt nüchtern fest, daß sich hier ein Prozeß vollzieht, der nur insofern die Gewerkschaften in eine kritische Lage bringt, als ihre Funktionäre an den alten klassenkämpferischen Rezepten festhalten. Diesen wird überall dort, und gleichsam von Fall zu Fall, der Boden entzogen, wo mit der Parole "Der Mensch steht im Mittelpunkt des Betriebes" Ernst gemacht wird. Hier liegt offenbar das durchaus "erkannte Ziel" der Unternehmer, soweit sie sich "fortschrittlich" nennen. Wenn sich diese Appelle an die unternehmerische Verantwortung auf sozialpolitischem Gebiet, wie sie in Salzuflen so ostentativ beklatscht wurden, weiter und in einer immer größeren Breite durchsetzen, dann stehen die Gewerkschaften in der Tat über kurz oder lang auch unter diesem Aspekt vor der Notwendigkeit, ihr Programm zu überprüfen. Sonst stoßen sie mit ihren Aktionen in die Leere –

Die Auffassung, die die Unternehmer von den Aufgaben ihres "Berufes" haben, befinden sich jedenfalls in einem evolutionären Wandel. Es sind bis jetzt freilich immer nur noch wenige, und es ist an Zahl wahrlich ein "kleiner Haufen", der in dieser Richtung in den Verbänden über die Mitgliedsbeiträge hinaus wirklich aktiv ist. Aber es ist kein "verlorener Haufen". Auch hier steigt die Mitgliedszahl und, was wichtiger ist, der Wille zur Mitarbeit. In diesen Kreisen jedenfalls wird das Leitbild des Unternehmers geformt, das einmal die Zukunft bestimmen wird. Der "Unternehmer-Kapitalist", der seine Arbeiter und Angestellten "ausbeutet", ist schon heute nicht mehr der ernstliche "Gegenspieler" der Arbeitnehmerorganisation, und wir möchten auch meinen, daß die Unternehmer selbst, soweit sie die Entwicklung mittragen, nicht mit allzu großer Empfindlichkeit auf demagogische Entgleisungen reagieren sollten, wie sie hier und dort noch vorkommen. Der Unternehmer wird in der Öffentlichkeit nicht so hart und negativ beurteilt, wie man das in Salzuflen als Faktum hinstellen zu müssen glaubte. Welcher Beruf steht heute, schon in der öffentlichen Meinung ohne Anstände dar? Aber Kritik an sich selbst ist natürlich besser als an den anderen.

Wir schrieben "Gegenspieler", nicht "Sozialpartner". In seinem einleitenden Referat hat der bisherige Vorsitzende der Jungen Unternehmer, Ernst Joachim Dohany (der Übung entsprechend, im jährlichen Turnus zu wechseln, wurde Johann Philipp’ Freiherr von Bethmann zum neuen Vorsitzenden gewählt), diese Formulierung gebraucht. Offenbar möchte auch dieser Kreis sozialpolitisch nach vorn drängenden Menschen sich dagegen verwahren, mit den "Sozialromantikern" der einen oder anderen Art verwechselt zu werden, die die Spannungen und Gegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in den Betrieben bagatellisieren wollen. So sprach man also von "Gegenspielern" – übrigens nicht ohne Widerspruch von seiten der älteren Generation –, um damit kundzutun, daß man ebenso entschieden, wie man dem menschlichen Element in der Rationalität des Betriebes Raum geben möchte (entgegen den Aussagen der modernen Soziologie, die in Salzuflen mit Leidenschaft attackiert wurden), auch gegen die Meinung Einspruch erhebt, daß der Betrieb heute in der Lage sei, so etwas wie (Betriebs-) Heimat oder (Betriebs-) Familie zu sein. Das sind freilich arge Verunstaltungen einer Idee, die im Grunde nichts anderes will, als abzugrenzen und sich abzusetzen gegenüber dem einseitigen Trend zur Technokratie, die uns unter anderem auch den Marxismus auf den Hals gebracht hat... Wolfgang Krüger