Es war unerträglich heiß. Die niedrigen, weißen Häuser der Marseiller Vorstadt schienen sich unter der Sonnenglut ängstlich zu ducken. Zwischen den Spalten der Jalousie hindurcn sah ich zwei Agaven mit fetten Blättern auf dem groben Sandboden braten. Da mir der Blick nach oben durch die schräggestellten Fächer der Jalousie versperrt war, öffnete ich das Fenster, um am Himmel nach der ersehnten Wolke zu spähen. Ein Schwall glühender Luft schlug mir entgegen und ließ das Zimmerthermometer noch um einige Grad steigen.

Vier Wochen schon bewohnte ich dieses vor Hitze knisternde Südzimmer in einem winzigen Haus, das sich hochtrabend "Hotel" nannte. Es war billig im weitsten Sinn des Wortes. Ich war der einzige Gast, nur die alte Besitzerin war außer mir da. Sie war maître d’hôtel und Concierge in einem. Sie – ußte nicht viel von ihr, als daß sie ständig hinter einem Verschlag saß, der durch eine Glasscheibe vom Korridor abgetrennt war.

Infolge der mörderischen Hitze litt ich seit Tagen unter der Vorstellung, nur noch kurze Zeit bei Sinnen zu sein. Meine wiederholten Bitten, mir das noch freie Nordzimmer des Hauses zuzuweisen, hatte die Alte bis jetzt immer abgeschlagen. Die unfreundliche Haltung, die sie an den Tag legte, sobald von diesem Zimmer die Rede war, nahm mir jedesmal den Mut, energischer aufzutreten.

Nach einem verzweifelten Blick auf das Thermometer stieg ich wieder einmal die Treppe hinunter und klopfte an die dreckige Scheibe, hinter der die Alte döste. Erschrocken fuhr sie auf und kam mir mit schlürfenden Pantoffelschritten entgegen. Sie war bestimmt die häßlichste Frau, die mir je begegnet ist. Das aschgraue Haar fiel ihr in unordentlichen Strähnen über die Schulter, zwei einsame Schneidezähne gaben ihr ein fast tierhaftes Aussehen, wenn sie sprach. Ich blickte standhaft an ihr vorbei, um nicht durch ihren Anblick Beklemmungen zu bekommen, und bedeutete ihr, daß es mir unmöglich sei, weiterhin im Südzimmer dahinzuvegetieren.

Sie schlug die Hände zusammen. "Sie wissen doch, Monsieur, daß nach Norden nur die Küche liegt und mein Büro", sagte sie.

"Und das freie Zimmer neben der Küche?!" rief ich verzweifelt. "Kein Mensch hat es jemals betreten, seit ich hier wohne, bitte schön, wer erhebt denn Anspruch darauf außer mir?"

Sie blieb merkwürdig ruhig nach meinem heftigen Ausbruch. "Ich habe schon mehrmals bedauert, Monsieur, und ich muß auch heute wieder bedauern", sagte sie. "Da Sie aber doch keine Ruhe geben, will ich Ihnen zeigen, weshalb ich Ihnen dieses Zimmer nicht geben kann."