Was ist eigentlich gemeint, wenn – neuerdings gar zu häufig! – das Wort Überhitzung, aufdie konjunkturelle Entwicklung bezogen, gebraucht wird? Nun, diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Bildhafte Ausdrücke (Metaphern) haben es leider so an sich, daß sie allzuoft eine Anschaulichkeit nur vortäuschen; was eine Diskussion durch Gebrauch von Metaphern an "Farbe" gewinnt, geht ihr dann an begrifflicher Präzision verloren: das ist der "Fluch der Metapher", um einmal Carl Sternheim (wenn auch in leichter Abwandlung der von ihm geprägten Sentenz) zu zitieren... Mit dem Wort "Überhitzung" steht es jedenfalls so, daß fast jeder damit etwas anderes meint als der andere – ohne daß dies freilich den Gesprächspartnern klar wäre.

Glücklicherweise kommt die Fachsprache auch ohne solche schillernden und in ihrer Sinnbedeutung gar zu sehr variierenden Modeworte aus. Sie spricht, anstatt von "Überhitzung", beispielsweise von Übernachfrage So faßt man den ökonomischen Sachverhalt, um den es sich da handelt, schon etwas schärfer. Freilich fehlt auch diesem Fachbegriff nicht ganz ein Einschlag des Bildhaften. Das aber muß ja wohl in Kauf genommen werden – wie ja denn überhaupt die Metaphern üppig ins Kraut zu schießen pflegen, wenn es sich darum handelt, die so schwer faßbaren konjunkturellen Sachverhalte zu "umschreiben" und sie begrifflich zu konkretisieren. "Kaufmannsgut ist wie Ebbe und Flut", sagt schon ein alter hanseatischer Spruch – und wenn wir in der modernen Fachsprache "die" Konjunktur als Ablauf der "wirtschaftlichen Wechsellagen" definieren, so sind wir über die Erkenntnis von dazumal in Sachen begrifflicher Klarheit nur wenig hinausgekommen, und in puncto Anschaulichkeit eigentlich gar nicht. Als pragmatischer Hinweis aber sei hier gleich noch eingefügt: es ist immer sinnvoll, neue Formulierungen zu suchen (oder auf alte Fachausdrücke zurückzugreifen), sobald sich ein bestimmtes Schlagwort in den Erörterungen über aktuelle Fragen gar zu sehr breitmacht. Die Sache, die gemeint ist, muß sich ja schließlich auch anders umschreiben und veranschaulichen lassen – und neue Formulierungen zwingen immer wieder dazu, die Materie neu zu durchdenken.

Damit könnten wir eigentlich das Schlagwort "Überhitzung" in die Schublade legen und uns der "Übernachfrage" zuwenden, um sie näher zu definieren ... Machen wir aber noch einen Exkurs, der vielleicht zum besseren Verständnis des Sachverhalts verhilft: als die Bank deutscher Länder am 3. August die bekannten restriktiven Maßnahmen verfügte – Kreditverteuerung (qua Diskonterhöhung) und Kreditverknappung (qua Erhöhung der Mindestreserven, die von den Geschäftsbanken bei der Zentralbank zu unterhalten sind) – da gab es in der Wirtschaftspresse ein nahezu einhelliges Lob für ihr verantwortungsbewußtes Händeln als "Hüterin der Währung". Die Sache hatte nur einen Haken: die Erscheinungen der (auf einer überstarken Kreditexpänsion beruhenden) Übernachfrage, gegen die sich jene Maßnahmen der Währungsbank richteten; haben mit der Währungsstabilität direkt gar nichts zu tun; es lag ja gar keine "Gefährdung der Währung" vor. Und die Währungsbank bezweckte mit ihren (nach Umfang und Zeitpunkt durchaus gerechtfertigten) damaligen Maßnahmen in Wirklichkeit also auch nicht die "Abwehr" solcher Gefahren, sondern sie wollte "nur" die Übernachfrage abbremsen: das aber rechtzeitig, um nicht bei einem späteren ("verspäteten") Handeln zu sehr viel härteren Eingriffen gezwungen zu sein, wie sie dann unvermeidlich gewesen wären, um das Umschlagen der zu large finanzierten (und dann allgemein gewordenen) geschäftlichen Überexpansion in die Krise zu vermeiden ... Weil man sich diese (eigentliche) Problematik nicht hinreichend klarmachte und immer nur über eine (gar nicht aktuelle) "Verteidigung der Währungsstabilität" meditierte, ist damals die öffentliche Diskussion in dem Hinkegang des "zwar – aber" hineingeraten. Zwar sei die Bank deutscher Länder für ihre Wachsamkeit zu loben, so hieß es da, aber von einer allgemeinen (und die Währungssicherheit bedrohenden) "Überhitzung" könne ja keineswegs gesprochen werden – allenfalls von partiellen Überhitzungserscheinungen. Woraus sich also die gegenwartsnahe Definition ableiten ließe:

"Konjunkturüberhitzung ist nur ein Schreckgespenst, keine Realität; falls aber die Währungsbank vorsorglich etwas dagegen unternimmt, kann das nie verkehrt sein."

•Oder in Kurzfassung: "Überhitzung ist, wenn die Notenbank etwas dagegen tut." – Das ist zwar, zugegebenermaßen, ironisch-überspitzt, aber vielleicht verhilft gerade eine solche Überspitzung zur gedanklichen Klarheit über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten einer Konjunkturpolitik. Daran scheint es uns heute noch recht zu fehlen, solange jede "Dämpfung" der Übernachfrage (vulgo "Abkühlung" der Überhitzung) durch Anziehen des kreditpolitischen Zügels bereits als "Akt der Inflationsabwehr" ge- und mißdeutet wird. Dem Prinzip nach ist das, was zur Eindämmung der Übernachfrage geschehen kann und geschehen muß, verhältnismäßig einfach, solange man es mit einer Volkswirtschaft zu tun hat, die überwiegend marktwirtschaftlich orientiert ist: da genügen kreditpolitische Maßnahmen, um die Kreditexpansion zurückzudrängen, und im übrigen schafft dann der Preismechanismus den Ausgleich zwischen Nachfrage und Angebot. Sehr viel schwieriger aber wird jedes konjunkturpolitische Vorgehen in einer Volkswirtschaft, die (wie, die unsrige) überall nicht-marktwirtschaftliche Elemente aufweist, ja geradezu davon durchsetzt ist. Die da auftretenden Schwierigkeiten sind in den letzten Wochen, zumal in der Vorbereitung und Verkündung des Regierungsprogramms der "elf Punkte" und durch die anschließende Berliner Debatte des Bundestags, ja recht eindringlich demonstriert worden. Aber hierüber ist demnächst noch einiges mehr zu berichten – für diejenigen, die nicht nur wissen wollen, was "Überhitzung" ist, sondern darüber hinaus auch, wie sich Regierung und Parlament die Methoden einer "Abkühlung" vorstellen.

Und nun noch eine Schlußbemerkung: gewiß ist die Übernachfrage (vulgo "Erhitzung") zunächst auf einzelne Wirtschaftsbereiche und Teilmärkte beschränkt. Das begann mit den Aktienmärkten (und wir haben wahrhaftig bei Zeiten auf die Kursübersteigerungen hingewiesen, insbesondere davor gewarnt, das Absinken des Rendite bis auf Bruchteile des Zinssatzes für sonstige Kapitalanlagen zu mißachten – manche unserer Leser werden sich vielleicht noch an jene Aufsätze, von denen der erste vor nunmehr knapp einem Jahr erschien, erinnern ...). Danach kam, vom Baumarkt ausgehend, die Übersteigerung der Holznachfrage und der Holzpreise. Es folgte, im Dezember, der Auftragsboom für Walzwerkserzeugnisse. Und mit der Bausaison 1955 breitete sich die Übernachfrage bei Grundstoffen und Investitionsgütern mehr und mehr aus; der Arbeitsmarkt wurde davon erfaßt, und die Ausstrahlungen des Facharbeitermangels sind mittlerweile überall in der Wirtschaft fühlbar. Also kann kaum mehr davon gesprochen werden, daß die Folgeerscheinungen der partiellen Nachfrage-Übersteigerungen lediglich auf einzelne Wirtschaftsbereiche beschränkt seien. Und außerdem: die Kreditverflechtung in der modernen Volkswirtschaft läßt Anspannungs- und Übersteigerungsmomente, die ja stets "zunächst" auf einzelnen Märkten und in Teilbereichen hervortreten, sehr bald allgemein werden. Das ist ein unvermeidlicher Prozeß, und deshalb ist es ein unzulänglicher Trost, wenn immer wieder "beruhigend" der partielle Charakter der "Überhitzung" hervorgehoben wird – womöglich unter Hinzufügen der Mahnung: man solle doch um Himmels willen die Gefahrenmomente nicht überbewerten, und die so schön in Gang gekommene Expansion nicht "zerreden". Vorläufig aber liegt die Gefahr eher darin, daß zuviel geredet wird, um die Problematik der Konjunkturentwicklung zu verkleinern und zu verkleistern. E. T.