Vor zwei Monaten wurde in der ZEIT (Nr. 33) die chronische Schizophrenie von Besucherorganisationen dargestellt. Wir hofften, der größte dieser Verbände, die Volksbühnenvereine, würde versuchen, den Januskopf der Organisation mindestens programmatisch in ein eindeutiges Gesicht zu verwandeln. Aber in der öffentlichen Diskussion, die vom Volksbühnenverband über "Theater und Publikum" im überfüllten Saal des Hamburger Curio-Hauses veranstaltet wurde, blieben die Beiträge gerade der Volksbühnen Vertreter recht mager. Als ihr offizieller Referent stellte der Göttinger Stadtschulrat Buchheim fest, daß der organisatorische Wiederaufbau der Volksbühnenvereine heute beendet sei. Vom Theater wurde jedoch nichts weiter verlangt, als daß es lebendig sein und die Würde des Menschen sowie seine soziale Verantwortlichkeit darstellen sollte. Als Ausleseprinzip gelten für Volksbühnenmitglieder nach wie vor lediglich die Anpassung des einzelnen an das obligatorische System des ständigen Platzwechsels (Rollsystem) und die Entrichtung eines Einheitspreises. Welche materielle Bedeutung ein so äußerlich organisierter Besucherkreis gewonnen hat, ging aus folgender Mitteilung Buchheims hervor: Die Volksbühnenvereine zählen heute 330 000 Mitglieder, sie beziehen im Jahr 3,5 Mill. Theaterkarten und lassen den westdeutschen Bühnen einschließlich Westberlins jährlich 10 Mill. DM an Eintrittsgeldern zufließen. Durch indirekte Beiträge stützen sie das Theater sogar mit 20 Mill. DM.

Unerörtert blieb die Frage, ob eine so große Besucherorganisation überhaupt berechtigt sei. Noch immer fußt die Volksbühne vorwiegend auf einer sozialen Forderung: Der Theaterbesuch soll jedem, ob er wirtschaftlich stark oder schwach sei, ebenso möglich sein wie der Schulbesuch. Deshalb gewähren die Theater den Volksbühnenmitgliedern (aber nicht nur diesen) Vorzugspreise; deshalb findet vielerorts eine doppelte Subventionierung des Theaterbesuchs statt. Die organisierten Besucher nehmen zunächst an den allgemeinen Theatersubventionen der öffentlichen Hand teil, die 50 bis 75 vom Hundert jeder normalen Theaterkarte bezahlt. Außerdem zahlen die Rechtsträger zusätzliche Ausgleichszahlungen für verbilligte Organisationskarten. In Westberlin zahlt die Stadt 12 Mill. DM an normalen Theatersubventionen und obendrein 3,2 Mill. für Volksbühnenbesucher. Um der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung willen dürften also in Volksbühnenvereine nur solche Theaterinteressenten aufgenommen werden, die ihre wirtschaftliche Bedürftigkeit nachweisen. Als aber in Hamburg der Berliner Schauspieler Ernst Schröder vorschlug, die Besucherorganisationen sollten ausgekämmt, Mitglieder mit 800 oder 1000 DM Monatseinkommen sollten mindestens für ein Jahr suspendiert und andere, die aus Platzgründen jetzt nicht aufgenommen werden können, sollten in die überfüllten Theater eingelassen werden, da lehnten die Verbandsvertreter solch eine rigorose Maßnahme ab.

Mit dieser Weigerung bestätigten die Volksbühnenvereine, wie recht Kurt Hirschfeld aus Zürich hatte, als er den Besucherorganisationen vorwarf, daß sie Konsumentenorganisationen geworden seien. Und Manfred Hausmann stellte die Frage: "Ist die Volksbühnenbewegung eine lebendige Bewegung von einzelnen, die urteilen, oder wird sie eine Massenorganisation? Wenn das der Fall ist, dann wollen wir das ganze lieber sein lassen." Hausmann hat recht. Ließen wir das Ganze sein, dann wäre die Möglichkeit gewonnen, festzustellen, was hinter der Überfüllung mindestens aller großstädtischen Theater an echtem – Bedürfnis steckt. Manche Theaterleute zeigten sich von der nicht zu erfüllenden Forderung nach (doppelt und dreifach verbilligten) Eintrittskarten so überwältigt, daß sie verlangten, man solle größere Häuser bauen, obwohl mindestens die Schauspielintendanten wissen müßten, in welches unlösbare künstlerische Dilemma sie dadurch gerieten. Für die anderen sprach der Wuppertaler Generalintendant Henrichs, als er den verblüffenden Satz prägte: "Wir wollen es genießen, daß gerade mal keine Krise stattfindet."

Ein anderes Problem ist bei der Hamburger Diskussion nicht einmal gestreift worden. Es sind die "geschlossenen Vorstellungen". Sonntagnachmittag Schülervorstellung, Montag Volksbühne, Dienstag christliche Theatergemeinde, Mittwoch Omnibusgesellschaft X., Donnerstag Omnibusgesellschaft Y., Freitag Besucherring der Firma Z., von fast geschlossenen, theatereigenen Abonnentenvorstellungen ganz zu schweigen – so geht das die Woche durch. Die Theater sind voll, aber unter Ausschluß der freien Initiative, ins Theater zu gehen, wenn’s dem einzelnen paßt. Der Verbandsegoismus schießt dabei ins Kraut. Die Münchner Volksbühne wurde aus dem Verband der Volksbühnenvereine ausgeschlossen, weil sie – sicherlich aus guten Gründen – Zu festen Plätzen und gestuften Preisen übergegangen ist. In Frankfurt am Main ist dagegen wenigstens das System der geschlossenen Zwangsvorstellungen für Volksbühnenbesucher aufgehoben worden. Damit hat auch das Volksbühnenmitglied die Möglichkeit zurückgewonnen, ein Stück abzulehnen oder zu bestätigen und das Risiko dem Theaterleiter, anstatt dem Verbandsfunktionär, aufzubürden. Was aber allgemein noch fehlt, das ist die Versammlung eines sozial gemischten, aus freier Entscheidung gekommenen Publikums vor dem Kunstwerk der Bühne.

Dem Dreiklassensystem der Eintrittspreise entspricht ein Vielklassensystem der Besucher. Man frage einmal die Schauspieler, wie die unterschiedliche, vorher genau bekannte Resonanz im Zuschauerraum sich auf der Bühne bemerkbar macht. Wenn das Theaterinteresse heute so echt, so allgemein, ja erdrückend ist, dann schaffe man allgemeinen, freien und gleichwertigen Zutritt zu jeder Vorstellung. Es wäre, auch mit dosierter Hilfe von Schulen, Universitäten, Besucherringen, Abonnements von Volksbühnenmitgliedern, eine Chance, vor der Rampe wieder ein unberechenbares, zu Entscheidungen bereites Publikum zu versammeln. Aber jeder Anwesende muß sich als gleichwertig und die Vorstellung als normal empfinden können. Augenblicklich trägt an fünf von sieben Tagen das Parkett einen Organisations- und Wertstempel. Die Künstler verhalten sich danach. Johannes Jacobi