In einer für den Bestand der Einheitsgewerkschaft kritischen Epoche und in den Tagen der großen Konjunkturdebatte haben die Gewerkschaften in der Westfalenhalle zu Dortmund an letzten Sonntag mit einer Massenkundgebung die Feier ihres zehnjährigen Bestehens begangen. Seit dem Herbst 1945, als im zerschlagenen Deutschland die Emissäre der Labour-Party bei der Besatzungstruppe die Verbindung mit eigenen deutschen Bestrebungen zur Gründung von Gewerkschaften aufnahmen, ist ein gewaltiges Stück Weg vorwärts durchschritten worden. Zehn Jahre neue deutsche Gewerkschaften haben einen beträchtlichen Anteil am Wiederaufbau der Nachkriegszeit gehabt.

Einige Zahlen mögen dies zeigen. Sie stammer aus der ureigentlichen Aufgabe der Gewerkschaften und sind damit Dokumente erfolgreicher Arbeitnehmerpolitik. Es wurden in zehn Jahres 19 000 neue Tarifverträge für 15 Millionen Arbeitnehmer abgeschlossen. In 865 000 Fällen und 520 000 Prozessen vor Arbeits- und Sozialgerichten wurden Lohn- und Gehaltssummen über rund 200 Mill. DM durchgesetzt und Zehntausende von fristlosen Entlassungen aufgehoben. Die Wohnbaugesellschaften der Gewerkschaften schufen 90 000 Wohnungen für etwa 400 000 Menschen durch Wiederherstellung oder Neubau. 8000 Gewerkschaftsangestellte oder Vertrauensleute wurden in die Organisationen der Selbstverwaltung bei der Sozialversicherung, der Arbeitsverwaltung, der Arbeits- und Sozialgerichtsbarkeit entsandt.

Wenn heute der DGB um seine Einheit ringt, dann geht es auch um die Sicherung und Fortsetzung dieser gewerkschaftlichen Erfolge der vergangenen zehn Jahre. Diejenigen, die sich um eine Spaltung der Gewerkschaften bemühen, sollten ernsthaft prüfen, ob sie damit wirklich der Arbeitnehmerschaft dienen. Andererseits aber sollten der DGB wie die Industriegewerkschaften toleranter werden; insbesondere sollten die vielfach totalitären Allüren, wie sie zumal bei der Kleinarbeit in den Betrieben hervortreten, recht bald ganz verschwinden. In diesem Sinne sind wohl die Ausführungen von Matthias Fächer in der Westfalenhalle zu verstehen, der an die Masse seiner Kollegen die dringende Warnung richtete, die Mitglieder nicht unterschiedlich zu behandeln und zu bewerten und keine Vorrechte oder Nachteile aus parteipolitischen Gesichtspunkten heraus dem einen oder anderen zu geben. An die Spalter gerichtet meinte er, hier seien Männer am Werke, die aus der Einheitsgewerkschaft einen Tummelplatz für politische Hasardeure und Demagogen schaffen wollten.

Matthias Föcher verteilte noch mehr "Blumen": Ganz offensichtlich auch an den Gast Erich Ollenhauer gewandt, sprach er die Mahnung aus: "Achten Sie im Interesse unseres demokratischen Staates und der Würde unserer Volksvertretungen die parteipolitische Unabhängigkeit der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Die Unabhängigkeit der Gewerkschaften ist die unumgängliche Voraussetzung für den Bestand ihrer Einheit. Die Achtung dieser Unabhängigkeit ist der untrügliche Gradmesser echter Arbeiterfreundlichkeit und sozialer Gesinnung."

Walter Freitag, der vor allem einen historischen Rückblick von 1868 bis zur Gegenwart gab, meinte zur aktuellen Lohn-Preis-Situation (ohne es näher zu begründen), daß "die hohen Gewinne der Industrie genügend Raum für Lohnverbesserungen ließen, ohne daß dadurch die Preise steigen müßten". Man habe bisher alle Vorschläge der Gewerkschaften für eine Politik der niedrigen Preise unberücksichtigt gelassen. (Dazu wäre an die jüngsten Preissenkungsvorschläge der Arbeitgeberorganisationen der Eisen- und Metallindustrie zu erinnern.)

Auf der Jubiläumsfeier der Gewerkschaften in der Westfalenhalle fielen oft die Worte Demokratie – Verantwortungsbewußtsein – Toleranz. Das Konferenzdiktat aber der IG Metall, die expansive Lohnpolitik und die unbestritten bedrückte Lage der Nichtsozialisten innerhalb der Gewerkschaftsbewegung: diese Fakten freilich widersprechen den gesprochenen Worten. Es wäre zu wünschen, wenn in den nächsten zehn Jahren da ein echter Fortschritt erreicht würde. R.