In wenigen Wochen will der neuernannte Atomminister Franz-Josef Strauß eine Atomkommission zusammenrufen, die einen Plan zur Kernenergienutzung ausarbeiten soll. Zu den Möglichkeiten, die sich für ein solches Programm bieten, sind in der letzten Zeit sehr viele Fragen gestellt worden. Wir haben darum die Redaktion des "Deutschen Forschungsdienstes" gebeten, über den Stand und die Aussichten der deutschen Kernenergieverwertung einen Situationsbericht zu geben.

Die Bundesrepublik kann in den nächsten Jahren einen beträchtlichen Teil des Vorsprunges aufholen, den die Atom-Großmächte USA, Kanada, England und Sowjetrußland auf dem Gebiet der indutriellen Kernenergieverwertung heute besitzen. Diese Feststellung gilt auch für den Fall, daß wir starken Kernbrennstoff – also Plutonium und angereichertes oder spaltbares Uran – nicht in nennenswertem Umfang einführen können, sondern die Entwicklung – sozusagen ab ovo – mit natürlichem Uran beginnen müssen.

Das ist ein mühsamer Weg. Aber es ist seit kurzem doch möglich, Leistungsreaktoren zu bauen, die, mit natürlichem Uran als Brennstoff und mit Graphit als Moderator, Wärme in nutzbarem Maße erzeugen und zugleich im Laufe einiger Jahre Plutonium, starken Kernbrennstoff, liefern. Ein Reaktor dieses Typs braucht für eine Leistung von 25 000 Kilowatt eine Ladung von etwa 100 Tonnen natürlichem Uran. Nach fünfjähriger Betriebsdauer ist ein großer Teil des im natürlichen Uran zu 0,7 Prozent enthaltenen spaltbaren Urans 235 verbraucht. Aus einem Teil des nicht spaltbaren Urans 238 entsteht dabei aber das spaltbare Plutonium. Hundert Tonnen natürliches Uran können auf diese Weise etwa 300 Kilogramm Plutonium liefern.

Ein Uran-Graphit-Reaktor mit 25 000 Kilowatt Leistung wird in zwei bis drei Jahren fertiggestellt sein können. Er kostet ungefähr 40 Millionen D-Mark. Prinzipiell wäre es auch möglich, solche Reaktoren mit Leistungen von 100 000 oder gar 250 000 Kilowatt zu konstruieren. Weitere langdauernde Entwicklungsarbeiten wären hierzu nicht notwendig.

Besitzen wir aus Uran-Graphit-Reaktoren in einigen Jahren größere Mengen von starkem Kernbrennstoff, so können damit relativ einfache, unkomplizierte Reaktortypen aller gewünschten Leistungsstufen – vom kleinstädtischen Kraftwerk über Schiffsantrieb-Reaktoren bis zum Großkraftwerk – gespeist werden. Fünfzig Kilogramm Plutonium, vermischt mit natürlichem Uran, reichen als Ladung für große und konkurrenzfähige Kraftwerke aus. Die Errichtung von Uran-Graphit-Leistungs-Reaktoren schafftdie Basis für eine Atomindustrie. Nach allem, was bisher bekanntgeworden ist, darf aber nicht damit gerechnet werden, daß der Staat die hierfür notwendigen beträchtlichen Geldmittel zur Verfügung stellt. Es wird Sache der Industrie sein, sich hier zu helfen; und es hat den Anschein, daß da und dort auch der Mut zum großzügigen finanziellen Engagement und damit zum Risiko vorhanden ist.

Zur Aufgabe des Staates gehört es, daß er Möglichkeiten zur Ausbildung von Fachleuten für den Bau und Betrieb von Reaktoren schafft und Hindernisse beseitigt, die die Einfuhr von natürlichem Uran erschweren könnten. Der Bau eines Forschungszentrums für die Nutzung der Kernenergie wird ebenfalls zu einem beträchtlichen Teil vom Staat finanziert werden müssen, weil es sich hier um ein Projekt handelt, das nicht nur einer Firma oder einem Industriezweig nützt, sondern der Allgemeinheit dienen soll.Die Pläne für ein Forschungszentrum sind in den Umrissen vorhanden. Man will eine Reaktorstation – wahrscheinlich in Karlsruhe – bauen. Zu ihr sollen drei oder vier Abteilungen gehören: Reaktorbau, Chemie, Isotope und wahrscheinlich Medizin-Biologie. Unter Umständen wird man später auch die Reaktorbau-Abteilung in eine theoretische und eine technische Gruppe aufgliedern müssen.

Das Projekt läßt sich mit den Anlagen in Brookhaven (USA) und Harwell (Großbritannien) vergleichen. Das Herz eines solchen Zentrums ist natürlich ein größerer Forschungsreaktor. Die entsprechenden deutschen Konstruktionspläne sind in den letzten Monaten rasch vorangekommen. Voraussichtlich wird im nächsten Jahr ein ausländischer Experte die Gesamtkonstruktion überprüfen können. Es wird angestrebt, den Reaktor zu Beginn des Jahres 1958 in Betrieb zu setzen.