In den westdeutschen Börsensälen stehen sich gegenwärtig zwei Auffassungen gegenüber. Nach der einen hat die seit Wochen anhaltende Baisse nunmehr im wesentlichen ihren Tiefpunkt erreicht – ein Teil der Aktienwerte liegt heute um 20 v. H. unter den höchsten Kursen des Jahres. Untermauert wird dieser Optimismus mit dem Argument, daß angeblich keine wirtschaftlich begründeten Voraussetzungen für eine Baisse in der Welt vorliegen. Besonders in der Bundesrepublik sind für das laufende Geschäftsjahr steigende Dividenden und damit auch bessere Renditen zu erwarten. Die Kapitalerhöhungswelle wird zudem weiter gehen, so daß noch mehr lohnende Bezugsrechte zu erwarten sind. Anders die Baissiers! – Nach ihrer Meinung wird die veränderte Kapitalmarktlage in der kommenden Zeit Emissionen großen Stils nicht mehr zulassen, überdies sei in der Konjunktur ein gewisser Gipfelpunkt erreicht, so daß eine Anpassung der Aktienkurse an die Rendite allerhöchste Zeit ist. Zwischen beiden Ansichten steht eine nervös gewordene Kundschaft, deren Unruhe durch die erneuten Kurseinbrüche zum Monatsultimo begreiflicherweise größer geworden ist.

Die Verluste der vergangenen Woche gehen in erster Linie auf Geldbeschaffungsverkäufe zurück. Erst in zweiter Linie trat das Ausland als Abgeber auf, das jedoch überwiegend die freigewordenen Mittel bislang nicht transferiert hat. Die Umsätze waren an allen Börsentagen begrenzt, so daß die relativ scharfen Kursrückgänge nur zustande kommen konnten, weil von einer Käuferseite nur wenig zu spüren war. Belebt hat sich lediglich die Nachfrage nach Goldmünzen, die jetzt ihren bisher höchsten Preis des Jahres erreicht haben. Das läßt darauf schließen, daß westdeutsche Kreise einen Teil ihres durch Wertpapierverkäufe freigewordenen Geldes in Goldmünzen anlegen. Sie verzichten zwar damit auf jegliche Verzinsung, doch sind sie vor Verlusten sicher! denn man glaubt nicht, daß der Goldpreis in nächster Zeit eine wesentliche Reduzierung erfahren könnte.

Besonders unter Druck lagen in der vergangenen Woche die Rentenmärkte und hier besonders die öffentlichen und Industrieanleihen. Der angespannte Geldmarkt tat hier seine Wirkung. Die Lastenausgleichsanleihe (5 v. H. verzinslich) wurde bereits unter pari angeboten und dazu nicht immer voll aus dem Markt genommen. Die 5 v.H. Bundesanleihe notierte meist 100 u.B. In Auslandsbonds war das Geschäft weiterhin gering, obgleich sich hier interessante Anlagemöglichkeiten bieten.

Am Montanmarkt waren die Einbußen unterschiedlich. Die marktgängigen Werte konnten sich im allgemeinen besser behaupten als die Papiere solcher Gesellschaften, deren Kurse durch Mehrheitserwägungen oder Zusammenschlußbestrebungen gefördert worden waren. Die Verluste von 9 Punkten bei Mannesmann auf 173 müssen im Zusammenhang mit der Ausgabe der Wandel-Schuldverschreibungen (5 1/2/5 1/4 v. H.) gesehen werden. Wenn auch angesichts der jetzigen Kurslage mit einem Bezugsrecht nicht zu rechnen ist, so schien es Anfaig der Woche noch lohnend, Aktien zu tauschen, um dafür Wandelschuldverschreibungen zu erwerben. Durd den dadurch stark herabgesetzten Kurs ist der Reiz des Tauschens weitgehend verlorengegangen.

Von der Genfer Konferenz kamen für das Wertpapiergeschäft, insbesondere für die Papiere mit Ostcharakter, bisher keinerlei Anregungen. Wo der Kurs noch eine Ostquote enthielt, wurden Korrekturen nach unter vorgenommen. Das war namentlich bei Salzdetfurth der Fall. Hier fielen die Aktien um 18 Punkte auf 215 v. H. zurück. Unter Auslandsabgaben litten die Spitzenpapiere des IG-Farben- und des Elektromarktes. Farbwerke Bayer, deren gegenüber den anderen beiden großen IG-Farben-Nachfolgern höherer Kurs auf der Hoffnung eines Bezugsrechtes basiert, mußten um 13 Punkte auf 238 zurückgenommen werden. Hat man Befürchtungen, daß die für Anfang 1956 angekündigte Kapitalerhöhung auf unbestimmte Zeit vertagt werden wird? Siemens fielen um 11 Punkte auf 248 und AEG um 8 Punkte auf 209.

Bezugsrechte für Regionalpapiere sind auch in der jetzigen labilen Börsentendenz gesucht. Mit einer Notiz von 41–43 1/4 kamen die Bezugsrechte für die jungen Aktien der Breitenburger Portland Cementfabrik der rechnerischen Parität sehr nahe. Das Goldschmidt-Bezugsrecht stellte sich auf 9 1/2–9 v. H. Neu eingeführt wurden die Aktien der Industriekreditbank zu 140 v. H. Im übrigen mußten die Bankennachfolger in Übereinstimmung mit der schwachen Allgemeintendenz neuerliche Veiluste hinnehmen, die bis zu 18 Punkte betrugen. Besse – behauptet waren die Regionalinstitute, wo Handelsbank Lübeck bei kleinen Umsätzen jetzt auf 245 G (plis 5) kamen. Weiterhin schwach waren andererseits die Zertifikate der Inwestmentgesellschaft: FONDRA 204 3/4–199, FONDAK 318 1/2–307 1/2, FONDIS 122 7/8–118.

Bei Daimler haben die Mehrheitskäufe wieder aufgehört, so daß der Kurs um 25 Punkte auf 370 v. H. fiel. Auch diese Höhe erscheint noch problematisch, wenn man allein die Maßstäbe der Rendite anlegen wird. Vor der Substanz her gesehen liegt natürlich gerade bei diesem Papier sehr viel "drin", aber die Börse bewertet die Substanz stets recht schwankend. Das haben gerade jetzt die Verwaltungen erfahren müssen, die auf der Hauptversammlung erklären ließen, der innere Wert der Aktien liege höher, als es der gegenwärtige Kurs zum Ausdruck bringe. In Zeiten schwacher Tendenz bleiben solche Worte auf die Börse ohne Eindruck. Ein Kursabbau vollzog sich auch bei den Spitzenwerten der Lokalmärkte. So mußten beispielsweise Beiersdorf um 25 Punkte auf 320 zurückgenommen werden, aber auch hier zeigte sich noch kein Käufer. Das sind die Gefahren der Papiere mit engem Markt. Man kommt nur unter Zugeständnissen hinein, doch ebensoschwer hinterher wieder heraus. W.