Mit der vielumkämpften Einheit der deutschen Gewerkschaften ist es – theoretisch – zu Ende. Am Sonntag haben in Essen 400 Arbeitnehmer unter der Führung des Generalsekretärs der katholischen Arbeiterbewegung, des CDU-Abgeordneten Even, die "Christliche Gewerkschaftsbewegung Deutschlands" gegründet. Die Gründung knüpft an die große Tradition der christlichen Gewerkschaften an, die bis 1933 bestanden und unter der Führung von Männern wie Stegerwald in der Weimarer Republik eine bedeutende Rolle spielten. Jetzt wird sich zeigen, ob dem Gedanken noch Leben und Werbekraft innewohnt und ob sich ein erheblicher Teil der Arbeiterschaft ihm anschließt, nachdem so prominente katholische Gewerkschafter wie Ministerpräsident Arnold und Bundesminister Kaiser sich distanzierten und ein nur wenige Tage altes Glückwunschtelegramm des Bundeskanzlers zum zehnjährigen Bestehen des DGB den Eindruck vermittelt hat, daß die CDU-Parteiführung an einer Spaltung des DGB nicht interessiert ist.

Die Neugründung führt in der Praxis zunächst dazu, daß jetzt zwei Organisationen in der Konkurrenz um die Werbung von Mitgliedern genötigt sein werden, sich in Lohnforderungen zu überbieten. Politische Bedenken kommen hinzu. Wenn man dem rot-schwarzen Farbgemisch des DGB das Schwarz entzieht, so wird der Rest sehr bald röter sein als bisher. Der DGB befand sich seit 1950 in einer Entwicklung, die durch zwei Namen charakterisiert ist: von Agartz zu Freitag, vom radikalen zum maßvollen Mann. Diese Entwicklung könnte jetzt gestoppt, vielleicht sogar zurückgedreht werden, in einem Augenblick, in dem Agartz, wenn auch aus anderen Gründen, ausgeschaltet worden ist. Jetzt aber droht die Spaltung gerade denjenigen linksgerichteten Kräften des DGB zugute zu kommen, gegen die sie gerichtet ist. Den Vertretern der mittleren Linie im DGB‚ die sich in den letzten Jahren stärker durchgesetzt hatten, wird damit ein Bärendienst erwiesen.

Welche tieferen Gründe gerade jetzt zur Spaltung führen mußten, ist nicht zu erkennen. Dem DGB kann man nicht vorwerfen, er habe sich in konfessionellen Fragen hervorgetan oder gar atheistische Propaganda getrieben. Vielmehr dürften antikirchliche Kräfte, die vermutlich vorhanden sind, erst durch die Konkurrenzgründung frei und aktiv werden. Gleichzeitig steht die neue Organisation vor der Gefahr, daß in ihrem eigenen Bereich konfessionelle Differenzen zwischen Katholiken und Protestanten auftreten. Ob damit den Kirchen gedient wird, ist die Frage. Im ganzen wäre es besser gewesen, wenn sich die christlichen Gewerkschafter im DGB stärker durchgesetzt hätten, anstatt ihn zu sprengen. Hier liegen die Fehler der DGB-Führung, die das verhindert hat, aber auch die Fehler der christlichen Gewerkschafter selbst, die sich (wie die Bundesminister Storch, Blank, Kaiser) der Gewerkschaftsarbeit entzogen und immer mehr in die staatlichen und parlamentarischen Führungspositionen drängten. Jetzt wird der Erfolg der Neugründung über die Zukunft der deutschen Gewerkschaftsbewegung entscheiden. Von einem Erfolg wird man freilich nur sprechen können, wenn es der neuen Organisation gelingt, mehrere hunderttausend Menschen für sich zu gewinnen. Und das könnte sich als schwierig erweisen. W. P. –