Von Wolfgang Heyn

Weder glasierte Ziegel und weißer Putz noch blaue Dachziegel machen ein Haus schön, und eine Einrichtung ist noch lange nicht anmutig, wenn sie aus Rosenholz geschnitzt und mit Goldstoffen sowie hellgrünem Jade ausgestattet wird; wohl aber kann ein Mann, wenn er gepflegten Sinnes ist, ein Haus aus Schlamm und Schilf schön machen, und mag das Gesicht einer Frau auch voll Pockennarben sein, so erfüllt sie das Haus mit Anmut, wenn sie ein feines Herz hat. Inschrift an einem Haus in China

Die Experimente des Bauhauses in Weimar waren nach dem ersten Weltkrieg für die Entwicklung eines neuen Stilempfindens von der größten Bedeutung, doch haben sie zunächst nur einen kleinen Kreis aufgeschlossener Menschen, das breite Publikum jedoch kaum beeinflußt; die Bemühungen des Bauhauses um einen allgemein gültigen neuen Möbelstil mußten Versuche bleiben. Und doch bildeten sie die Voraussetzung für die kommende Entwicklung.

Abkehr vom Herkömmlichen

Nachdem die Architekten des Bauhauses die konsequente Abkehr vom Herkömmlichen gefordert hatten, entwickelte sich langsam in den folgenden Jahrzehnten, vor allem in den skandinavischen Ländern und den USA, weithin sichtbar aber erst in den Jahren nach 1945 im gesamten westeuropäischen Kulturgebiet das, was wir den "modernen Stil" nennen. So einheitlich sich dieser zweckbetonte Stil darstellt – die Reaktion des Publikums ist bekanntlich nicht einheitlich. Ein Blick auf die durchschnittliche Möbelproduktion von heute zeigt, daß immer noch weite Käuferschichten den traditionellen Prunkgarnituren den Vorzug geben. Daher kommt es, daß die moderne Form oft mit einem höheren Preis bezahlt werden muß, als die konfektionierte "Herrlichkeit" altmodischer, überholter Art. Andererseits ist es klar, daß viele Käufer von gutem Geschmack ihre Wünsche bezähmen müssen, weil finanzielles Unvermögen sie hindert, das zu erstehen, was ihrem Stilgefühl am meisten entspricht. Um so größere Bedeutung kommt daher den Bemühungen jener Firmen zu, die moderne Erzeugnisse zu erschwinglichen Preisen auf den Markt bringen. In solchen Fällen zeigt sich, daß die Anhänger neuer Stilformen zahlreicher sind, als die Widerstrebenden glauben.

Diese Widerstrebenden haben "Erklärungen" des neuen Stils gegeben, nach denen seine Formen verspielte Einfälle exzentrischer Naturen genannt werden, und sie erzählen zum Beweise Anekdoten, wie dieser oder jener Entwurf aus der Laune eines Künstlers entstanden sei; solche Darstellungen kann man getrost ins Reich der Fabel verweisen. Auf derlei Art kommt nie ein Stil zustande.

Um Dauerhaftes zu schaffen, ist im künsterischen, aber auch im technischen Bereich der Produktion mühevolle und harte Arbeit erforderlich; aus Augenblickseinfällen entsteht noch kein Stil.