Der Glaui, Pascha von Marrakesch, ist seit Jahrzehnten die große, fast mythische Figur auf der marrokanischen Bühne, ohne deren Zustimmung bisher keine politische Maßnahme möglich schien. Entscheidend war er an der Absetzung des Sultans Ben Jussef und der Einsetzung Ben Arafas beteiligt. Als dann vor wenigen Wochen der Druck der Nationalisten die Franzosen zwang, Ben Arafa wieder zur Abdankung zu bewegen und einen Thronrat einzusetzen, schien es, als gehe die neue Zeit über den grand old man Marokkos hinweg, als habe er seine Rolle ausgespielt.

Inzwischen aber hat sich gezeigt, daß der Glaui noch nicht am Ende ist. Mit einer Wendung um 180 Grad, welche seine bisherigen Freunde erstarren ließ, hat er die Rückkehr seines Feindes Ben Jussef auf den Thron gefordert und so eine Einheitsfront der Marokkaner hinter dem abgesetzten Sultan geschaffen, gegen die Frankreich kaum aufkommen kann. Und Ben Jussef wird wohl weise genug sein, wenn er jetzt aus dem Exil zurückkehrt, diese Hand zu ergreifen. Von ihrer persönlichen Feindschaft abgesehen, stehen sich die beiden Feudalherren entschieden näher als Ben Jussef und der moderne Istiqlal-Nationalismus, die nur durch den gemeinsamen Feind, den französischen Kolonialismus, zu einer Vernunftehe zusammengeführt worden sind.

Die französische Linke tut dem Pascha gewiß unrecht, wenn sie ihn als einen kleinen Strauchritter darstellt, der erst durch die ihm als Dank für seine treuen Dienste von der französischen Verwaltung erwiesene Protektion zu seiner Machtstellung aufgestiegen sei. Der heute am Beginn seines neunten Jahrzehnts stehende Glaui gehört einem alten berberischen Stammesfürstengeschlecht an, und seine kriegerischen Leistungen in jenen Fehden, die der Schaffung des modernen Marokko vorausgingen und in denen er die französische Karte spielte, haben aktiv dazu beigetragen, die Gunst der Kolonialmacht gerade auf dieses Haupt zu lenken. Eine bloße "Kreatur" ist der Glaui nicht. Als im August 1953 Sultan Ben Jussef unter Ignorierung der anderslautenden Befehle des Außenministers Bidault abgesetzt wurde, war das nicht nur ein ein Werk der Junta um Marschall Juin. Als entscheidendes Gewicht fiel der Wille des Paschas von Marrakesch in die Waagschale.

Ein Vergleich der beiden Gesichter ist aufschlußreich. Stellt man sich den Sultan im Exil ohne Djellabah, ohne Kapuze vor, so bleibt ein Gesicht von spätzivilisatorischer Sensibilität, wie es in den Straßen einer westlichen Großstadt nicht auffallen würde. Es ist nicht bloß eine Frage des Alters, wenn die Züge des Glaui, selbst wenn er den Smoking trägt, etwas von einer holzgeschnitzten Maske behalten. Diese Maske, die Verachtung, Grausamkeit und das Geheimnisvolle einer fremden Welt auszudrücken scheint, hat viel zum Glaui-Mythos beigetragen. In der französischen Kolonialexpansion, an welcher Adel und Kirche so großen Anteil haben, steckt viel Flucht aus der skeptischen Welt der laizistischen Republik in den Traum vom ändert régime. Und in dem Pascha von Marrakesch schien das Mittelalter neu erstanden zu sein, um in alter Lehenstreue über die Jahrhunderte hinweg Frankreich einen Bund zur Abwehr großstädtischer Bazillen, wie etwa des Istiqlal-Nationalismus, anzubieten.

Aufmerksamen Beobachtern entging allerdings nicht, daß dieser auf seine Hirtenstämme sich stützende Feudalherr, der zur Erheiterung seiner Gäste die Girls der "Folies Bergères" einladen konnte, selbst eine recht moderne Seite aufzuweisen hat. Der Glaui hat es verstanden, sich eine Machtstellung in den Verwaltungsräten jener Bergwerks- und anderen Gesellschaften aufzubauen, welche den "französischen Ural" in Marokko ausbeuten, und er verschmäht auch nicht Nebeneinnahmen, wie das Monopol über den Mandel- und Safranhandel in Südmarokko. Der gewiß nicht an überhitzter Phantasie leidende Le Monde hat sogar von einer Affäre von Schürfkonzessionen berichtet, die den Streit zwischen Rabat und Marrakesch beeinflußt haben soll: im Sultanspalast erteilte Konzessionen an amerikanisch-französische Finanzgruppen sollen mit der Sultansabsetzung ungültig geworden sein, und englische Konkurrenzgruppen, welche ihre Konzessionen in des Glauis engerem Machtbereich erhalten hatten, seien darüber besonders erfreut gewesen. Rückwirkend ließ Le Monde dabei auch ein Licht auf jene Episode bei der Krönung in London fallen, wo der offiziell eingeladene Pascha von Marrakesch von Churchill wie ein Souverän gefeiert worden war.

Kürzlich allerdings hat das Ansehen des Glaui in dem puritanischen England doch einen Stoß erlitten, als bekannt wurde, daß er auch an einem anderen einträglichen Wirtschaftszweig entscheidend beteiligt ist. Die von englischen Parlamentariern aller drei Fraktionen getragene "Bewegung für koloniale Freiheit" veröffentlichte einen Rapport über den in Marokko zentralisierten Mädchenhandel, als dessen Schlüsselfigur der Glaui dargestellt wurde. Unter anderem wurde dort berichtet, daß jedes der 6000 registrierten Bordellmädchen unter des Paschas Jurisdiktion an diesen pro Tag eine Taxe von 100 Francs zu entrichten hat, was einen Tagesreingewinn von rund 6500 Mark ausmacht.

Wer allerdings an die politische Allmacht der Wirtschaftsmächte glaubt, wird gerade durch das Schicksal des Glaui eines Besseren belehrt. Auch dieses zielstrebig aufgebaute kleine Wirtschaftsimperium konnte nicht verhindern, daß unter zwei Schlägen der "Mythos Glaui" arg gelitten hat: Am 20. August dieses Jahres haben die Berber sich zum erstenmal geweigert, gegen die Araber zu reiten. Das war das Ende der Divide et impera-Politik von Juin und dem Glaui, die die Berber gegen die Araber auszuspielen pflegte und so das Erbe des großen Lyautey verriet. Und schlimmer noch: die Einwohnerschaft seiner eigenen Stadt Marrakesch verweigerte dem Pascha den Gehorsam, als sie den damaligen Generalresidenten Grandval als dem Repräsentanten der Verständigungspolitik gegen des Paschas ausdrückliches Verbot mit stürmischen Ovationen begrüßte. Der in’seinem Wagen des Weges kommende Glaui griff in einem Reflex seiner kriegerischen Jugend ergrimmt nach dem Karabiner, doch der französische Begleitoffizier riß den greisen Berberfürsten zurück. Armin Mohler