Der Regenmacher" von N. Richard Nash bestätigte bei seiner deutschen Erstaufführung im Stuttgarter Staatsschauspiel sehr eindrucksvoll die Theorie von der neuen romantischen Sendung des Theaters unserer Zeit. Der Tonfilm lebt nicht ohne Realismus, so lautet diese Theorie, das Schauspiel nicht ohne Romantik. In den Werken von Jean Anouilh, Jean Giraudoux, Christopher Fry, T. S. Eliot, Thornton Wilder und Tennessee Williams ist diese beschworene Romantik dann tatsächlich auch zur Genüge zu finden.

Einen Vergleich mit diesen Autoren, den Säulen des modernen Theaters, hält N. Richard Nash freilich noch nicht aus, dazu ist seine poetische Kraft noch nicht stark genug. Immerhin aber hat dieser junge amerikanische Dramatiker von diesen zeitgenössischen Klassikern schon einiges gelernt. Im "Regenmacher" zum Beispiel, seinem bereits in mehreren Ländern außerordentlich erfolgreichen dritten Stück, kennt er den Wert und die Wirkung von Symbolen, deren stärkstes der Titelheld selber ist. Dieser Bill Starbuck ist zunächst nichts anderes als ein liebenswürdiger Schwindler, der den Farmern im heißen Texas für Geld und gute Worte verspricht, nur durch die Kraft seines Willens Regen für ihre ausgedörrten Felder vom glühenden Himmel herabzuzaubern. Aber der Regenmacher versteht sich nicht nur auf die Zwiesprache mit himmlischen Mächten, sondern auch auf den Umgang mit Frauen und Mädchen – und während der ersehnte Regen zunächst noch ausbleibt, gelingt es ihm, die scheue Lizzie Curry, die Tochter des alten Farmers, bei dem er zu Gast ist, in eine selbstbewußte Frau zu verwandeln, die Vertrauen zu sich selber und der Welt hat. In einer zarten Liebesszene weiß er Lizzie zu überzeugen, daß auch sie, wie jede andere Frau, ihre verborgene Schönheit besitzt.

Die Gründe von Bill Starbucks Erfolgen im Umgang mit Farmern und deren Töchtern liegen auf der Hand. Er stillt lediglich den Illusionshunger, die Sehnsucht des Menschen nach dem Wunderbaren. Soweit die Fabel. War Ibsens Kampf gegen die "Lebenslüge" also vergeblich gewesen? Wie schon in Stücken von Giraudoux und Casona erhebt sie jedenfalls auch hier wieder fröhlich ihr Haupt. N. Richard Nashs "Regenmacher" ist zwar kein großes, aber ein gutes Theaterstück, mit scharf profilierten Typen und einem trockenen, knappen Dialog und Humor – was heute schon viel ist. Kein Wunder, daß diese Komödie demnächst auch bei Gustaf Gründgens in Hamburg und auf vielen anderen Bühnen zu sehen sein soll. In der temperamentvollen, farbigen Inszenierung von Erich-Fritz Brücklmeier, die durch das stimmungsvolle, Romantik und Realismus mischende Bühnenbild von Helmut Koniarsky wirksam unterstützt wurde, spielte Edith Herdegen das aufblühende "häßliche Entlein" Lizzie mit spröder Leidenschaft, Hans-Helmut Dickow gab den Regenmacher, den man vielleicht auch als Verführer stehen kann, als schwärmerischen Menschenfreund. Wolfgang Nied