Von Paul Hühnerfeld

Eine Woche lang hatte sich der isländische Schriftsteller Halldor Laxness in Stockholm aufgehalten, dann reiste er ab. An der schwedischen Grenze erreichte ihn ein Telegramm: er möge doch noch einen Tag länger in Schweden bleiben. "Warum?", fragte der 53jährige Isländer. Ob er es sich denn gar nicht denken könne, schmunzelten die Zollbeamten. Morgen werde doch bekanntgegeben, wer den diesjährigen Nobelpreis für Literatur erhalte. Was meine denn wohl er, Laxness, wer der Preisträger sei? Und Laxness, verblüfft, erklärte – er habe bis eben gedacht, der deutsche Lyriker Gottfried Benn würde den Preis in diesem Jahre erhalten. Nun allerdings ...

Nun allerdings hatten sich die nordischen Preisrichter in diesem Jahr endlich für den Mann entschieden, der durch die, Jahr für Jahr kurz vor der Verleihung mit schöner Regelmäßigkeit auftretenden Indiskretionen der Welt als eine Art "kontinuierlicher Anwärter" auf den Preis bekannt war. Soviel ich weiß, hält Laxness in dieser Hinsicht den Rekord: achtmal stand er auf der Liste der letzten drei, vier Kandidaten, siebenmal wurde er wieder gestrichen und es wurden ihm der Reihe nach André Gide, T. S. Eliot, William Faulkner, Bertrand Russell, Pär Lagerkvist, Mauriac, Churchill und Hemingway vorgezogen. Dabei hatte der isländische Schriftsteller auch schon 1947, als er das erstemal genannt wurde, seine großen Werke geschrieben: "Unabhängige Menschen", die Geschichte eines armen isländischen Bauern erschien 1934/35, "Weltlicht", der große Roman des isländischen Volksdichters Olafur Karson wurde in den Jahren 1937 bis 1940 geschrieben. Dieses Buch ist jetzt endlich auch in Deutschland, im Suhrkamp Verlag, Frankfurt, in der ausgezeichneten Übertragung von Ernst Harthern erschienen. Wer diese Lebensgeschichte liest, spürt den Atem einer Epik, die keiner jener Nobelpreisträger besitzt, die über sieben lange Jahre Laxness vorgezogen wurden. Damit soll nicht etwa gesagt sein, Laxness sei der größte Dichter von ihnen! Behauptet werden soll allerdings: er ist mit ihnen nicht vergleichbar. Sie alle – so verschieden auch Schriftsteller wie Mauriac oder Hemingway, Gide oder T. S. Eliot im einzelnen voneinander sein mögen – sind doch moderne Dichter: sie stehen an der Spitze von literarischen Entwicklungen des Stils, der Form, eines spezifisch gelagerten Problemkreises, Entwicklungen, die sie durch die Kraft ihres Genies oft erst ins Leben gerufen haben, und die – zusammengenommen – meistens genau das ausmachen, was wir unter "moderner Literatur" verstehen. In "Weltlicht" nun spürt man, daß Laxness all diese Berührungen mit der modernen Literatur im Grunde wenig ausgemacht haben: weder Strindberg noch der deutsche Expressionismus der zwanziger Jahre (Laxness kannte ihn genau) oder der französische Surrealismus (dem der Isländer später begegnete) haben sein Werk maßgeblich beeinflußt. Spürbar an Weltliteratur ist an diesem großen Roman nur die heidnische Edda – sie allein ist dem zum katholischen Glauben Konvertierten unvergeßbare Realität.

Was bewog nun die skandinavischen Richter, einen Mann so lange auf den Nobelpreis warten zu lassen? Sein verhältnismäßig "junges" Alter mag mitgespielt haben, der Wunsch, wesentlich älteren Männern wie André Gide oder Churchill den Preis so schnell wie möglich zu verleihen. Aber der Hauptgrund war ein anderer: Laxness sympathisiert offen mit dem Kommunismus (er wurde im sowjetzonalen Aufbau-Verlag denn auch eher verlegt als in der Bundesrepublik), und diese Sympathie ließ die Stockholmer Preisrichter lange zögerr. Erst jetzt – da sie an eine "spürbare Entspannung" des Ost-West-Konfliktes glauben, haben sie es gewagt, Laxness nicht mehr länger warten zu lassen.

Unterdrücken wir die leise Melancholie, die uns anläßlich solcher Voraussetzungen für eine literarische Preisverleihung ergreifen will. Preisverleiher sind auch nur Menschen, und der Nobelpreis ist noch dazu ein gesellschaftliches Ereignis, bei dessen Verleihung man Peinlichkeiten verständlicherweise gern vermeiden möchte. Nützlicher ist es, man sieht sich statt dessen einmal den Kommunismus Halldor Laxness’ an. Dazu ist einer seiner neusten Romane "Atomstation" (in Deutschland jetzt als rororo-Taschenbuchausgabe, ebenfalls übersetzt von Ernst Harthern) am besten geeignet. "Atomstation" spielt in unseren Tagen in Reykjavik. Es ist die Erzählung eines Mädchens aus dem "Nordland", das in einem vornehmen, städtischen Haushalt ihren Dienst antritt. Die "Herrschaft" besteht aus "arrivierten" Isländern, für die an allen Hemmnissen des öffentlichen und privaten Lebens unbesehen die "Kommunisten" schuld sind, die ständig "Schweinereien" machen. Drei Komponenten sind es, die Laxness’ Sympathie für den Kommunismus begründen: zuerst, der zweifellos schon immer sozialkritische Blick des Dichters (so verließ er während der großen Bankkrachs nach dem ersten Weltkrieg die USA, weil er die vielen "Hungernden in den Parks nicht mehr sehen" konnte), dann sein Spott über eine gewisse isländische bürgerliche Welt, für die die "Roten" eine spezifische Art modernen Kinderschrecks sind, und schließlich sein Patriotismus, der sich empört, daß Island wirtschaftlich und – kulturell als Atomstation an die USA "verkauft" wird.

Das ist nun wirklich kein sehr gefährlicher Kommunismus: es ist mehr ein allgemeines Unbehagen an unserer Kultur, das wir doch wohl alle teilen. Nur in einem unterscheidet sich Laxness von uns: er weiß nicht (oder will nicht wissen), daß man jenseits des Eisernen Vorhangs diesem Unbehagen ein wenig zu radikal den Garaus gemacht hat – deutlicher ausgedrückt: daß dort die Fragestellung, ob zum Beispiel die menschliche Freiheit beschränkt ist, sinnlos ist, weil’s überhaupt keine mehr gibt, daß dort das Problem sozialer Klassen nicht mehr existiert, weil man die unbequeme Klasse schlicht ausgerottet hat, daß dort die Empörung, ob der Staat für Geld äußeres und inneres Eigentum seiner Bürger verkauft, irrelevant wäre, weil ersten! die Bürger kein Eigentum haben und zweitens der Staat sowieso macht, was er will. Natürlich kann man Laxness böse sein, daß er dies alles übersieht. Aber muß man einen Mann wirklich böse sein, weil – er Übelstände übersieht, die ja jeder kennt, während er doch dabei ist, die Fehler im Westen zu analysieren und sie uns an der kleinen nordischen Insel Island zu demonstrieren, sauber und klar, so daß wir besser sehen als zuvor, was wir oft so gern übersehen wollen?

Und schließlich bleibt Halldor Laxness ja nicht auf der Basis solchen Unbehagens stehen – genausowenig wie er nur isländische Probleme sieht. Was er spürt, ist die Spannung, die unsere Welt durchzittert. "Die Welt ist eine einzige Atomstation", heißt es am Ende seines Romans. Was er will, ist: diese Spannungen lindern. Es ist nicht seine Meinung, daß die Menschen dazu Kommunisten werden müßten. Ich glaube, er meint nur, daß die Menschen wieder naiver, einfacher – besser werden sollten. Und weil er im Grunde nur dies meint, darum haben sich die Preisrichter in Stockholm eigentlich sieben Jahre lang, in denen sie sich an den isländischen Epiker nicht heranwagten, umsonst geängstigt.