Von Felix Dassel

Das breite behagliche Lachen nach dem Geschmack der alten Meister Ostrowski, Gogol, Ljesskow, Tschechow, jener Humor, von dem der Russe sich so herzlich unbekümmert erschüttern ließ – in jeder Situation, auch mitten im Kummer – ertrank in der Oktoberrevolution. Die jüngeren Meister eines schärfer gewürzten und meistens satirisch angewandten Witzes, wie Awertschenko und Soschtschenko, prangerten die Dinge derb an und zogen sie ins Lächerliche. Danach setzte "von Staats wegen" eine Abwehr gegen humoristische Betrachtungsweisen ein, und erst allmählich entdeckten die Kultura-Experten des Kreml, daß sich das Lachen zu einem handlichen Instrument der Kritik an menschlichem Versagen, und vor allem auch zu einem Ventil verwerten läßt.

In den Sowjetzeitungen begannen mehr und mehr jene Glossen zu erscheinen, die man "Feuilletons" nannte. Aber es sind Tatsachenberichte, denn die darin behandelten Dinge und Personen werden unverblümt beim Namen genannt. Zuerst wurden in den "Feuilletons" fast ausschließlich einzelne Menschen, Sündenböcke, als Warnung für die anderen, angeprangert. Neuerdings hat das "Führerkollektiv" im Kreml nichts dagegen, wenn die Autoren der Glossen gewisse böse Zustände in der Wirtschaft, der Planung, der Wissenschaft, der Verwaltung, ja sogar Auswüchse der so emsig propagierten "schöpferischen Initiative" mit ihrem beißenden Witz beschießen.

In der "Prawda" nahm kürzlich Jegorow die 800 wissenschaftlichen Forschungsinstitute unter die Lupe, die sich im Laufe der Jahre etabliert haben. Wir geben seinen Bericht gekürzt wieder:

"So gegen zehn Uhr morgens bewegt sich auf der Hauptallee von Essentuki (altbekannter fashionabler nordkaukasischer Kurort) gemächlichen Tempos ein? größere Gruppe weißgekleideter Männlein und Weiblein mit lässig über die Schulter geworfenen Frottierhandtüchern ... ‚Wieso aus einem Sanatorium?‘, gibt ein wohlig gähnender Nachzügler meine Frage zurück, ‚wir sind doch die Stawropoler Landeswissenschaftliche-Viehwirtschafts Forschungsstation!‘"

Richtig, richtig, fällt einem da ein, die gab’s ja schon lange vor dem Kriege! Der neue Direktor, Genosse Roschek, hat kürzlich eine fundamentale, integrierende, Imponderabilien erfassende Arbeit abgeschlossen, wie diese sensible Koryphäe der sowjetischen Großvieherforschung selber vermerkte. Der Titel des Werkes: ‚Vom Stawropoler Landeswissenschaftlichen – Viehwirtschafts – Forschungsinstitut auf Grund akademischer Erkenntnisse in der Beeinflussungstheorie empfohlene Namensgebung in der landwirtschaftlich nutzbaren Großviehzucht der nordkaukasischen Steppengebiete. Man ist beeindruckt, blättert im Werk und stellt fest, daß der Genosse Direktor und seine A~~~~~~ ungefähr tausend Namen empfehlen. ~~~~eispiel für Kühe: Amphitrite, Aphrodite, ~~~~~tra, Terpsichore, Semiramis und Iphi-~~~~~ für Eber der schweren brünetten Rasse: ~~~~in, Sardanapal, Nebukadnezar, Heraphem, und erst in zweiter Linie: Arak-~~~äsar und Potemkin ...

Soviel über das Vieh wirtschaftsinstitut, das demnächst sein zwanzigjähriges Bestehen feiern wird. Gleich daneben wird in der Stawropoler Landeswissenschafllichen-Obst (Beeren) -Forschungsstation für den Fortschritt der Obst- und Beerenkulturen im nordkaukasischen Raum gekämpft – mit vorerst leider erst in der Latenz heranreifenden Erfolgen, wie vom stellvertretenden wissenschaftlichen Sekretär der Station zu erfahren war. ‚Nun‘, sagte er, versonnen in ein eingetrocknetes Tintenfäßchen schauend, in unserem verantwortungsreichen Forschungsbereich sind wir leider öfter von naturgegebenen Konstellationen abhängig, die sich hemmend auf den kontinuierlichen Ablauf unserer Erkenntnislinien auswirken. So zum Beispiel sind unsere hiesigen Forschungs-Gartenbezirke im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre siebzehnmal durch – Nachtfröste im späten Frühjahr völlig vernichtet worden. Und dazu gesellten sich noch zwölf verheerende Hagelschläge – beides Eigenarten des Klimas von Essentuki. Geradezu traurig war unser Direktor, der Genosse Medwedjew, als er im vergangenen. Jahr der landwirtschaftlichen Hauptverwaltung auf deren dringliche Anfragen, welche Obst- und Beerensorten für die intensivierte Gartenwirtschaft des Landes zu empfehlen wären, nur antworten konnte, daß das Thema der genannten Profilierungen planmäßig nicht bearbeitet werden konnte – eben infolge des nicht steuerbaren Systems von Frösten und Hagelschlägen, so daß ...‘