I. Sprachgrenze mitten durchs Volk – Maß und Spleen

Von Rudolf Walter Leonhardt

Rudolf Walter Leonhardt, der neuestens in die Redaktion der ZEIT eingetreten ist, hat jahrelang in England gelebt, und seine aktuellen Berichte sind unseren Lesern seit langem bekannt. In folgender Aufsatzreihe faßt er die Beobachtungen und Erfahrungen seiner Mühen, als Deutscher in englische Lebensverhältnisse einzudringen, in kritischer Analyse und humorvoller Schilderung zusammen.

Man kann im Schlafanzug vom Piccadilly-Circus zum Oxford-Circus spazieren, zehn Minuten lang durch die prächtige und sehr verkehrsreiche Regent Street, ohne daß einer sich um einen kümmert. Man erlebt es andererseits, daß jemand, der in einem der großen Geschäftshäuser in der City arbeitet, nicht wagt, die obligatorisch schwarz-weiß gestreiften Hosen mit einem Gürtel statt mit Hosenträgern in der angemessenen Höhe uu halten, denn er fürchtet mit Recht, daß seine Karriere durch solche wilde Extravaganzen Schaden leiden könnte. – Man kann vor einen Richter Ihrer Majestät zitiert werden, weil man eine junge Lady auf der Straße nach der Uhrzeit gefragt hat. Man erlebt es andererseits bei jedem Bummel durch den Hyde Park, wie sich da ein Liebesleben in der Natur abspielt, das selbst einem kontinentalen Lebemann die Schamröte ins Gesicht treiben könnte. – Man kann manches Telephongespräch belauschen, das sich etwa so anhört: "Hallo Ted! Kann ich gerade mal zu dir ’rüberkommen?" Und später wird man darüber aufgeklärt, daß da ein Angestellter mit seinem höchsten Chef gesprochen hat. Man erlebt es andererseits, daß man von einem publican, einem Gastwirt, in den Nebenraum für "bessere Leute (Saloon Bar) komplimentiert wird, wenn man sich in die für weniger feine Herrschaften bestimmte Public Bar verirrt hat.

Wen wollte es da verwundern, daß England dem einen als ein Tummelplatz für exzentrische Individualisten erscheint, deren unberechenbare Temperamentsausbrüche man auf Milzfunktionen zurückgeführt und darum Spleen genannt hat, während ein anderer darauf schwört, nirgendwo sonst habe die Uniformierung des Lebens solche Ausmaße erreicht wie in England? Mit gleichem Recht, so muß es scheinen, ist seit Jahrhunderten schon englische Sittenlosigkeit ebenso wie englische Prüderie beklagt worden. Und während auf vielen offiziell registrierbaren Gebieten des Lebens das Ideal der klassenlosen Gesellschaft im britischen Wohlfahrtsstaat Wirklichkeit geworden scheint, ist es noch immer in keinem Lande so wichtig wie in England, die "richtige" Sprache zu sprechen, zur "richtigen" Schule gegangen zu sein, die "richtige" Universität besucht zu haben, in der "richtigen" Gegend zu wohnen, den "richtigen" Umgang zu pflegen.

Die Vielzahl der paradoxen Beobachtungen und scheinbaren Widersprüche ist durch die besondere soziologische Struktur bedingt, die sich in England seit dem Mittelalter ohne zerstörerische Unterbrechung entwickelt hat – wobei freilich manches, was wir als "typisch englisch" empfinden, keineswegs "Jahrtausende", sondern gerade so eben ein Jahrhundert alt ist.

Es wird heute so gerne von einer "Verwischung" der Klassenunterschiede gesprochen. "Verwischung" aber bezeichnet die Situation sicher nicht sehr glücklich, wenigstens in England nicht. Tatsache bleibt freilich, daß der Begriff "Klasse" politisch diskreditiert worden ist und keinen Anspruch auf absolute Gültigkeit mehr erheben kann. Im Hause der Lords (Oberhaus) sitzen heute adelige Vertreter der Arbeiterpartei, und führende Gewerkschaftler folgen einem unverkennbar konservativen Kurs.