Wenn man die neuesten Berichte aus Buenos Aires einer genauen und kritischen Prüfung unterzieht, so zeigt sich dem objektiven Beobachter, daß zweifellos die Schwierigkeiten in Argentinien übertrieben werden, um die jetzige Regierung für sichere Fehler in der nahen Zukunft zu entlasten. Das politische Motiv, die Peronistische Zeit völlig in einem Sumpf von Korruption zu ersticken, ist anscheinend als notwendig angesehen worden, um sehr unpopuläre Restriktionen auf dem Gebiet der Sozialversicherung und der Arbeiterfürsorge besser begründen zu können. So sehr man Peron ablehnen muß und so tiefgehendes Unheil seine hemmungslosen Korruptionsmethoden über Argentiniens Wirtschaft gebracht haben, so sicher lebt er im Bewußtsein der Werktätigen als der erste argentinische Präsident weiter, der die Oligarchie zwar nicht zerbrechen konnte – denn sie hat ihn schließlich besiegt –, der aber Milliarden für die Arbeiter aufwandte. Daß er davon eine ansehnliche Menge für sich behielt, viel seinen Freunden zukommen ließ und verpraßte, verzeiht ihm ein zutiefst gutmütiges Volk, das erst durch ihn staatliche Hilfe erstmals erlebte...

Die Grundlage für die augenblickliche Beurteilung der argentinischen Wirtschafts- und Finanzlage ist der sogenannte Prebisch-Bericht. Das ist ein Expertengutachten von großer Gründlichkeit. Seine wichtigsten Zahlen besagen, daß Argentinien 943 Mill. $ Handelsschulden sowie kurz- und mittelfristigen Krediten insgesamt nur 450 Mill. $ an Gold- und Devisenreserven gegenüberzustellen hat. Diese Zahlen wirken alarmierend, sind es aber de facto nicht‚ denn andere südamerikanische Staaten – etwa Brasilien – haben bei einem Mehrfachen der Passiven nur einen Teil der Aktiven im Verhältnis zu Argentinien, und niemand kümmert sich darum, da ja nicht die Buchwerte entscheidend sind, sondern das Produktionsmaß, und hierbei wieder – in erster Linie – die Exportkraft.

Durch schwere Mißernten – an denen Peron nicht schuld war – wurde Argentinien, der Welt Weizen- und Fleischkammer, gezwungen, Weizen zu importieren und fleischlose Tage einzuführen. Aber die Exportlage hat sich ganz erheblich gebessert. Daß natürlich die innere Schuld von 75 Mrd. Peso, allein schon infolge des Wertschwundes des Peso, nicht allzustark wirken kann, ist klar. Der Verarmungsprozeß der Rentenbesitzer ist überall identisch, wo Währungen abgleiten. Und sie gleiten auch andernorts ab. Wer vor zwanzig Jahren USA-Liberty-Bonds zeichnete, verlor bis heute weit über die Hälfte an Kaufkraft. In Argentinien drei Viertel. Es ist ein gradueller Unterschied, aber kein prinzipieller.

Ungleich besorgniserregender ist die Tatsache, daß der Zahlungsmittelumlauf von 1945 auf 1955 um etwa 500 v. H. anstieg, die Produktion aber nur um 3,5 v. H.! Wahrscheinlich wirken sich hier die sinnlosen und rein demagogisch bedingten staatlichen Interventionen aus, die Nationalisierungen und die Feindseligkeit gegenüber den Fremdkapital. Durch wilde protektionistische Maßnahmen im Interesse von Spekulanten, die Peron nahestanden, wurde die gesunde und organische Entwicklung gehemmt. Es wurde eine strukturelle Verwirrung geschaffen und volkswirtschaftlich nicht zu rechtfertigende Investitionen – und Importe – vorgenommen, während unerläßliche Einfuhren und Kapitalhingaben unterblieben.

Die Währung ist nunmehr kursmäßig bereinigt. Der Dollar wurde von 14 auf 18 Pesos hinaufgesetzt (bei Schwarzmarktnotierungen von 30). Diese Bewertung entspricht 23,3 D-Pfennig (gegenüber 30 D-Pfennig vorher). Aber zweifellos ist diese Abwertung keineswegs ausreichend, um das Gleichgewicht zum wirklichen Geldwert gegenüber dem Dollar auszudrücken. Andererseits zögerte die Regierung vor drakonischeren – aber sicher gesünderen – Schnitten. So bleiben wieder amtliche Kurse von theoretischem Wert – und echte Kurse im schwarzen Markt...

In politischen Kreisen der USA hält man es für möglich, daß die Regierung Lonardi besonders schwarz malt, um einerseits einen gewichtigen Druck auf die USA auszuüben – andererseits innerpolitisch eine Begründung zu finden, um die scharfen Angriffe der neuen Herren gegen Perons Petrolkonzessionen an Amerika merklich abzuschwächen. Daß die USA zweifellos bereit sein werden – und sein müssen –, einem Pro-Washington-Kabinett in Buenos Aires zu helfen, um wirkliche Krisen in Argentinien zu vermeiden, ist kaum zu bezweifeln. Ob diese Hilfeleistungen in Form von Anleihen erfolgen sollen oder durch andere Mittel – wie etwa privatwirtschaftliche Kredite und Bankdarlehen –, dürfte sich erst später entscheiden.

Daß die von Peron und seinen "Kommanditisten" wegeskamotierten Gelder, Wertsachen, Schmuckstücke und was sonst mehr bei den hier in Frage kommenden Milliardenbeträgen keinerlei wirklich entscheidende Rollen spielen, beweisen die Zahlen. Daß eine Cliquenwirtschaft übelster Art aber selbst eine bedeutende staatliche Wirtschaft ernstlich schädigen kann, ist sicher. Die äußerste Schwarzmalerei verfolgt aber offenkundig viele Nebenzwecke, die zu erkennen die Objektivität gebietet. F. A.