Von Manfred George

Cconaluftee, Ende Oktober

Die meisten Amerikaner, die heute so gern von "hundertprozentigem Amerikanismus" sprechen, vergessen, daß sie auch nichts weiter sind als Einwanderer und daß die eigentlich "Hundertprozentigen" des Landes, nämlich die Indianer, zerstreut in dem riesigen Gebiet der Staaten ein vielfach ebenso unbekanntes wie armseliges Leben führen. In diesem Zeitalter überquellenden Wohlstandes sind diese Urbewohner des Landes im großen und ganzen am schlechtesten dran, und es gibt viele von ihnen, die noch nicht einmal 200 Dollar im Jahr verdienen.

Ebensowenig wie darüber, ist man sich in der breiten Öffentlichkeit der Tatsache bewußt, daß unter den 250 Stämmen, die in den USA leben, 61 000 Indianer kein Englisch sprechen können und 59 000 weder schreiben noch lesen. Das wird erst verständlich, wenn man die Gebiete kennt, in denen viele der Überlebenden der einstigen Herrscher des Landes hausen, etwa die undurchdringlichen und kaum erforschten Sumpfgebiete in Florida oder die wegelosen Ebenen und Täler in New Mexico. Im Innenministerium gibt es zwar ein Bureau of Indian Affairs, das sein Möglichstes tut. Aber sein Budget ist viel zu gering, um bei der ungeheuren Zerstreuung der Stämme und Gruppen eine durchgreifende kulturelle und soziale Besserung zu erzielen. Und soviel auch über diese Indianer Amerikas geschrieben wird und so sehr sie in der Legende und im Film eine bedeutsame Rolle spielen, so wenig kümmert sich das breite Publikum um die große Masse dieser Menschen, die noch heute an den Folgen barbarischen Raubes und unerbittlicher Verfolgung leiden, die einst der Ausgang ihres vergeblichen Kampfes gegen die Weißen waren.

Gewiß, es gibt eine Anzahl Indianer, die sich durchgesetzt hat und sozial auf einer relativ hohen Stufe lebt. Es gibt zum Beispiel in Oklahoma indianische Besitzer von Ölquellen, die ein Milionenvermögen wert sind. Auch in manchen führenden Männern und Frauen der Politik und der Künste fließt indianisches Blut. Aber die Masse der Rothäute lebt in so abgelegenen Gegenden, daß die nächsten Schulen viele Stunden von dem Platz an der Landstraße entfernt sind, an dem die Indianerkinder einen Schulbus erreichen könnten. In vielen Fällen weiß man nicht einmal, wie viele Angehörige ein solcher Stamm überhaupt besitzt. Hinzu kommt, daß die Indianer von einem Lagerplatz zum andern wandern. So sind sie eine Art Geisterarmee der Vergangenheit geworden.

Seit elf Jahren allerdings haben sie nach langen und mühsamen Vorbereitungen eine Organisation zustande gebracht, den National Congress of American Indians, der heute bereits eine sehr angesehene Stellung einnimmt und in Washington vor allem mit Erfolg versucht, die Landrechte der Stämme zu wahren und die alten Verträge aufrechtzuerhalten, die nur allzu leicht von landhungrigen Großgrundbesitzern oder Industrieorganisationen verletzt werden.

Der Zufall führte uns in dem Staat North Carolina in eines jener luxuriösen Auto-Hotels, wie sie in den letzten Jahren zu Hunderten überall an den Landstraßen entstanden sind. Es führte den romantischen Namen Boundary Tree (Zum Grenzbaum). Die gesamte Bedienung in Restaurant und Haus war schon auf den ersten Blick als indianisch zu erkennen. Der Autohof war glänzend und modern geführt und gehörte, wie sich aus einem Vermerk auf der Speisekarte ergab, samt Tankstelle und allen umliegenden Gebäuden, der Kooperative der Indianer der Umgegend.