Zur deutschen Ausgabe eines Berichtes von Aldous Huxley

Es gibt historische Tatsachen von so extremer Unwahrscheinlichkeit, daß man sie nicht als Romanstoff aufgreifen oder sie in romanähnliche? Form erzählen darf, weil jeder Leser unwillkürlich der krankhaften Phantasie des Erzählers das zuschreiben würde, was in seiner unerschöpflichen Erfindungskraft das wirkliche Leben selbst! sich hat ereignen lassen. Vielleicht die ungeheuerlichste Begebenheit so unglaubhaften Charakters ist das Auftreten von sieben Teufeln im Ursulinerinnenkloster der unweit Poitiers gelegenen Stadt Loudun zur Zeit der allmächtigen Ministerschaft des Kardinals Richelieu gewesen – ein völlig absurder und dennoch in der grauenhaftesten Weise realer Vorgang, der dem wenig sittenstrengen, aber an den Taten der Teufel völlig unbeteiligten Stadtpfarrer von Loudun, Urbain Grandier, den unschuldig erlittenen Foltertod und die Verbrennung als Hexenmeister eingetragen, die junge Priorin des Klosters und ihre sechzehn Mitschwestern zu obszönen Schaustellungen ihrer verdrängten Sexualwünsche angetrieben, zwei Kapuzinerpater und ein Mitglied der hohen Aristokratie zu sadistischer Mordlust entfacht und einen nach übergroßer Heiligkeit strebenden, charakterlich untadeligen Jesuitenpater, den Mystiker Jean-Joseph Surdin, in jahrzehntelange schwerste, psychosomatische Störungen verstrickt hat, die von den Ärzten und Theologen als Wahnsinn verkannt und somit als Strafbefehl Gottes durch Abscheu und grausamen Spott geahndet wurden.

Wer demonstrieren wollte, welchen Verirrungen die Menschen zur Zeit der vermeintlichen Hochblüte der "abendländisch-christlichen Kultur" fähig waren, könnte kein geeigneteres Beispiel für sein misanthropisches Vorhaben finden. Aber das wäre ein billig erkauftes Pathos, und ein pharisäisches dazu. Die schwere Aufgabe ist, die abstrusen Unmenschlichkeiten der Ereignisse von Loudun als menschliche Möglichkeiten analytisch zu deuten und nicht auf das Faktum von Teufelsglauben, Exorzismus und Hexenverbrennung von der bequemen Voraussetzung her herabzusehen, "wir" wären über solche Irrungen erhaben und hätten es in puncto Verdammung von Mitmenschen im Vergleich zum siebzehnten Jahrhundert doch wenigstens im Prinzip "herrlich weit gebracht". Hier eine Reihe skeptischer Tafeln aufzurichten, die Phänomene von Loudun sowohl im Hinblick auf die Haßorgien und Schauprozesse unseres Jahrhunderts wie unter den Aspekten der tiefenpsychologischen Erkenntnis in ein theologisch wie philosophisch sine ira et studio entworfenes Bild der menschlichen Möglichkeiten einzuordnen, ist der im höchsten Grade produktive Sinn von Aldous Huxleys Studie:

Aldous Huxley, "Die Teufel von Loudun". Übersetzt von Herberth E.Herlitschka, R.Piper & Co. Verlag, München, 433 S., 7 Abb., Leinen, 19,80 DM.

Die Grundkonstellation, die Huxley herausarbeitet, ist einfach genug: Der Stadtpfarrer Grandier, leichtfertig wie Casanova und zynisch wie Don Juan, lehnt, weil er durch Schaden klug geworden ist, den Antrag der Priorin, Beichtvater des Klosters zu werden, ab. Seine erotische Aura überträgt sich aber so sehr auf die Äbtissin, daß diese ihre heimlichen Wünsche zu Traumbildern und Halluzinationen verdichtet. Da sie bei den Mahlzeiten davon in aller Ausführlichkeit des Details erzählt, gerät in kurzer Zeit das ganze Kloster in ein schauderhaftes Fluidum sexueller Scheinerlebnisse. Sieben Teufel, namentlich genannt, treiben in den Leibern der Nonnen ihr Wesen und sprechen ihre Blasphemien und Obszönitäten durch den Mund der bis dahin so züchtigen jungen Edelfräulein aus. Sie bezeugen einmütig, daß Grandier, im Bunde mit Satan, sie entsandt hat. Die erfahrensten Teufelsbeschwörer werden zu den Ursulinerinnen geholt, die Bevölkerung sieht bei dem widerwärtigen Gebaren der Teufel in den Leibern der jungen Mädchen lüstern zu – aber die Teufel sind verstockt, und die Macht des Hexenmeisters ist schier unüberwindlich. Richelieu selbst befiehlt, ihm den Prozeß zu machen. Aus Hysterie ist Kirchenpolitik geworden; denn wer weiß, ob nicht die Hugenotten hinter dem Bunde zwischen Satan und Grandier stehen?

Das Böse für ebenso existent zu halten wie Gott, ist die Ketzerei des "Manichäismus". Aber der Haß gegen die Hugenotten verblendet gegen den manichäistischen Balken im eigenen Auge. Alle Bischöfe, Kleriker und Laien, die an die Existenz der Teufel im Leibe der Nonnen von Loudun nicht glauben wollen, geraten in den Verdacht des Unglaubens an Christus. Es ist wahrhaft eine verhexte Welt: da Grandier sich keiner Schuld bewußt ist und nichts gesteht, weil nichts zu gestehen ist, werden Belial und Behemoth, Leviathan und Asmodei als Zeugen befragt. Sie antworten durch den Mund der Besessenen, daß Grandier ein Hexenmeister ist. Und auf ihre Kronzeugenschaft hin wird Grandier zum Tod durch Folterung und Scheiterhaufen verurteilt!

Standhaft erleidet er den qualvollsten Tod. Aber die Teufel haben nun erst recht freie Bahn, die Nonnen rasen weiter, und damit beginnt die zweite Phase. Es wird ein neuer Exorzist berufen, Surin. Auch er glaubt massiv an die Existenz der Teufel, aber statt andere Menschen dafür zu verdammen, zieht er durch inbrünstiges Gebet die Teufel auf sich. Und wirklich: die Nonnen genesen, Surin wird gelähmt, blöde, ein Gegenstand des Hohns für alle braven Christen.