s. l., Berlin

An dem Kabarettprogramm des "Berliner Abends", den Senat und Abgeordnetenhaus für die in Berlin versammelten Bundestagsabgeordneten im Schöneberger Ballhaus Prälat veranstalteten, konnte jedermann in Deutschland teilnehmen, der an jenem Dienstagabend vor einem Fernsehapparat saß. Über den Sender Freies Berlin (SFD) übertrug das Deutsche Fernsehen, was Berlins Kabarettisten den Bonner Gästen zu sagen hatten – mit einer Ausnahme: als Wolf gang Neuss, Berlins populärster und aggressivster Kabarettist, mit seiner Pauke auf der Bühne erschien, begann es auf den Bildschirmen zu flimmern, der Ton setzte aus und eine "technische Störung" ein, die bis zu dem Augenblick andauerte, da "der Mann mit der Pauke" wieder aus dem Programm verschwand.

So blieb den Fernsehteilnehmern ein Feuerwerk von Pointen vorenthalten, das dem Berliner Auditorium viel Vergnügen bereitete. Zum Beispiel: "Schließlich ist der Kommunismus ja eine rein deutsche Erfindung: der Marx hat ‚Das Kapital‘ geschrieben, der Engels hat es verkauft und der Pferdmenges verdient es." "Die Streichhölzer werden ja nun billiger", spottete Neuss weiter, "aber die Generale dafür etwas teurer", oder: "Wir alle sollten brüllen: Die Saar muß zu Frankreich, dann sollen Sie mal sehen, wie die Franzosen mißtrauisch werden und sagen, das ist eine Falle, die Saar muß zu Deutschland", und: "Die Union wird noch so lange machen, bis der liebe Gott aus der Kirche austritt."

Von Anfang an glaubte man in Berlin nicht recht an die "technische Störung". Man erinnerte sich, daß Neuss bereits im Juni Differenzen mit dem Intendanten des Südwestfunks, Friedrich Bischoff, gehabt hatte, der Neuss’ Pauken-Monolog wegen mißverständlicher Pointen gegen die (ja nur in Berlin so unangenehm rechtsradikale) Deutsche Partei aus einer Sendung "Berliner Kabarett" herausstrich. In den unermüdlichen Kämpfen um die Personalpolitik des SFB mußte aber der Fall der zensierten Pauke sogleich in den Strudel der Parteipolitik geraten. Der SPD nahestehende Kreise aus der Leitung des.Funkhauses ließen keinen Zweifel, daß es sich hier um eine bewußte Abschaltung gehandelt habe, eine Meinung, die auch Bürgermeister Suhr als Antwort auf eine Dringlichkeitsanfrage der SPD in der wenige Tage später folgenden Parlamentsdebatte vertrat. Auch der Rundfunkrat des SFB hat inzwischen festgestellt, daß von einer technischen Störung keine Rede sein könne.

Bis der inzwischen erkrankte Intendant des SFB, Alfred Braun, vor dem Rundfunkrat Auskunft über die Eigenmächtigkeit seines Fernsehstudios geben kann, wandert der Schwarze Peter zwischen dem zu Unrecht hineingezogenen Bischoff, dem Berliner Fernsehleiter Rieck und dem Koordinator des Deutschen Fernsehens, Pleister, hin und her. Wolfgang Neuss hatte vor seinem Auftritt Bischoff telegraphisch von seinem Fernsehdebut unterrichtet, woraufhin Bischoff Herrn Pleister um Prüfung der Neuss-Nummer durch den Berliner Sendeleiter bat, in Erinnerung offenbar an das Mißfallen, das ihm Neuss’ politische Pointen seinerzeit bereitet hatten. Pleister gab die Bedenken des Südwestfunks nach Berlin weiter und wies dabei auf die Abmachungen der deutschen Fernsehsender hin, welche die Übernahme einer Sendung verwehren, gegen die ein Sender Bedenken vorbringt. Nachträglich dürfte kaum mit Sicherheit festzustellen sein, welcher der Berliner Herren am meisten Kleinmut gegenüber der politisch gewürzten Kleinkunst bewiesen hat; den ausdrücklichen Wunsch, Neuss abzuschalten, so wird jetzt eilig erklärt, will niemand geäußert haben. Aber die Tatsache bleibt, daß nach einer Erörterung der Bedenken aus Baden-Baden und Hamburg zwischen Intendant Braun und Studioleiter Rieck, irgend jemand zu dem sicheren Mittel der Ätherzensur griff und statt der wohlpointierten Paukenschläge Militärmärsche aus den Fernsehapparaten erklingen ließ.

Eine zusätzliche Pointe lieferte die Deutsche Bundespost, die während der erhitzten Debatte um die Fernsehzensur des SFB leicht erstaunt mitteilte, es habe in der fraglichen Zeit tatsächlich eine technische Störung in der Übertragung über die Fernsehbrücke zwischen Berlin und dem Bundesgebiet gegeben.

Der Berliner Volkswitz hat sich des Falles ebenfalls angenommen. In einer Berliner Tageszeitung war eine Karikatur zu sehen, die zwei Berliner vor einem dunklen Fernsehschirm zeigt. Unterschrift: "Aha, ick sehe, der Neuss haut mal wieder uff de Pauke!"