Dreißig Jahre sind seit Corinths Tode vorübergegangen, doch erst jetzt erscheint die erste zusammenfassende Darstellung seines Gesamtwerks:

Gert von der Osten: Lovis Corinth. – F. Bruckmann Verlag, München. 192 S. mit 83 Abb. und 10 Farbtafeln. 19,50 DM.

Der Autor ist glücklicher dran als der letzte Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen im Königsberger Schloß, Alfred Rohde, der sein verdienstvolles, in den ersten Kriegsjahren erschienenes Buch auf das Frühwerk Corinths beschränken mußte, weil das der späten Jahre als "entartet" politisch verfemt wurde. Heute aber, wo in der Malerei bereits wieder eine jüngere Generation am Werke ist, der zeitliche Abstand sich immer mehr vergrößert, ist Corinth schon zu einer geschichtlichen Gestalt geworden: seine Bilder sind "über den Tagesstreit erhoben", von der Zeit gelöst, ewig jung wie die Werke der großen Meister der Vergangenheit.

Das Merkwürdige dabei bleibt, daß der Übergang vom Schaffen des Lebenden zur Geschichtlichkeit sich ganz unmittelbar vollzogen hat, und nicht erst mit der zeitlichen Entfernung. Dabei mag die Ironie des Schicksals im Spiele sein: der im wesentlichen auf Deutschland und die Schweiz beschränkte Ruhm weitete sich zur internationalen Anerkennung aus, als zahlreiche deutsche Museen ihres Besitzes an Corinth-Bildern beraubt, diese aber ins Ausland verkauft wurden. Basel, New York und andere amerikanische Sammlungen besitzen heute Hauptwerke. In Deutschland hat jetzt Hannover den größten öffentlichen Besitz an Bildern Corinths und übernahm damit die traditionelle Aufgabe Königsbergs. Es verdient besondere Erwähnung, daß die Monographie von der Ostens durch das Zusammenwirken des niedersächsischen Kultusministeriums und des Kunstvereins Hannover ermöglicht wurde.

In vier Abschnitten (Gestalt und Weg – Der jünge Corinth – Der reife Corinth – Der alte Corinth) schildert von der Osten das Werden und Vachsen des malerischen Werks aus den zunächst unbedeutenden Anfängen der Königsberger und Münchner Lehrzeit, der die Aufenthalte zu Antwerpen und Paris folgen. Entscheidend erweist sich dann die spätere Münchner Epoche, die Corinth die fördernde Freundschaft Leistikows und den Verkehr mit Trübner, Eckmann, Slevogt, Th. Th. Heine (allesamt Gegner von Lenbachs "Malerfürstentum") einbringt; aber erst in Berlin findet seine Kunst ihre höchste Erfüllung, und dahin kehrt er von vielen Reisen immer wieder zurück.

Gemeinhin als "der große deutsche Impressionist" bezeichnet (ein Titel, der generell, ebenso auf Liebermann wie Slevogt angewendet zu werden pflegt) – war Corinth jedoch, wie von der Osten überzeugend aufzeigt, "einer der großen Einzelgänger am Rande des Impressionismus"; dessen Grenzen er längst durchstoßen hatte.

Christian Otto Frenzel