Man muß schon nach Bad Oeynhausen gehen, wenn man etwas Vernünftiges über europäische Integration hören will – freilich muß dann auch der Innenminister des Industrielandes Nordrhein-Westfalen, Dr. Franz Meyers, eine seiner bekannten frischen Reden halten. Obwohl von Haus aus Jurist, sieht er das Leben nicht in Paragraphen eingeschnürt oder betrachtet es nur durch die Brille überkommener Rechtsgelehrsamkeit. Franz Meyers sprach zum Thema "Die europäische Gemeindefreiheit" vor dem Forum der körperschaftlichen Mitglieder der Europa-Union des Landes. Was er hier sagte, verdient vollen Beifall. Auf einen Nenner gebracht, war es die Aufforderung an die kommunalen Körperschaften, auf ihrer Ebene, also sozusagen von unten her, aktiv tatsächliche Beiträge für eine Integration zu leisten.

Mit Bedauern muß man feststellen, daß die Begeisterung für die europäische Idee sogar schon bei der Jugend nachzulassen beginnt. Die Ursache liegt nicht zuletzt daran, daß viel zuviel und viel zu planlos organisiert wird und daß das Verhältnis zwischen organisatorischem und rhetorischem Aufwand einerseits und echten Ergebnissen zugunsten europäischer Zusammenschlüsse andererseits deprimierend schlecht ist. Dieses Mißverhältnis wirkt abschreckend. Gerade die Gemeinden könnten aber, so meinte der Minister, viel Gutes und Fortschrittliches zugunsten der europäischen Integration tun.

Meyers führte Beispiele an. Er sagte, daß Gefahr bestünde, statt eines wirklich Vereinigten Europa einen "seelenlosen Verwaltungsapparat" zu schaffen. Die Gemeinden der einzelnen Staaten Europas sollten Patenschaften übernehmen, man sollte Beamte miteinander austauschen, und zwar für längere Zeiträume, vor allem auch die jüngeren Menschen durch europäische Stationen schleusen und sozusagen auf der unteren Ebene das bessere Verständnis der Menschen Europas zueinander fördern und pflegen.

Meyers hat damit einen Vorschlag gemacht, der im Grunde genommen verhältnismäßig leicht zu verwirklichen ist. Dabei sollten nicht nur, so meinen wir, "gleichartige Gemeinden" miteinander in Patenschaft treten, also eine deutsche Kohlenstadt mit einer belgischen Kohlenstadt oder das Krefelder Textilzentrum mit einem ostfranzösischen Textilzentrum, sondern gerade unterschiedliche Gemeinden müßten den Kontakt miteinander suchen und aufnehmen. Ob es nun gerade Münster mit Marseille sein soll, lassen wir dahingestellt. Aber die nette Bigamie, die die "Tochter Europas", Düsseldorf, mit Paris und Amsterdam pflegt, könnte und sollte Beispiel für zahlreiche andere Städte und Gemeinden sein. Rlt