Niemand kann behaupten, daß das Zeugnis besonders gut gewesen sei, das der Herr Wirtschaftsminister Erhard in diesen Tagen den bundesdeutschen Hausfrauen ausstellte: sie sollten nicht länger alles hinnehmen, was ihnen an Preisen in den Geschäften und auf den Märkten zugemutet wird und nicht wie "Opferlämmer, zur Schlachtbank" zu ihren Einkäufen gehen, hat er gesagt. In seinem Kampf gegen die kletternden Preise vieler Dinge des täglichen Bedarfs erwartet Herr Erhard die Unterstützung der Hausfrauen. Sie sollten sich ihrer Macht bewußt werden...

Der Rat, wieder mit dem Pfennig zu rechnen, ist es wert, in Ruhe überlegt zu werden. Von 1939 bis 1949 bestand unsere Aufgabe darin, das Allernötigste an Lebensmitteln und den anderen Dingen, ohne die eine Familie nun einmal nicht existieren kann, heranzuschaffen. Man wurde am besten damit fertig und hoffte, dann und wann etwas "zusätzlich" zu bekommen, wenn man seine Einkäufe auf möglichst wenige Läden beschränkte. Wenn wir die Gelegenheit hatten und der Geldbeutel es erlaubte – Geld spielte damals eine nur untergeordnete Rolle –, versuchten wir Schwarzmarktware zu ergattern. Auf Qualität zu achten, das konnte man sich in knappen Zeiten nicht leisten.

Als dann nach der Währungsreform das Angebot an langentbehrten Waren allmählich reichlicher wurde, kauften wir fürs erste mehr oder weniger blind drauflos. Ich bekenne, daß ich mit dem ersten D-Mark-Gehalt zu einem sagenhaften Preis einen Regenmantel erstand, von dem ich mir einbildete, er sei aus Nylon. Beim ersten Regen löste er sich jedoch in seine Bestandteile auf. Die Erfahrung mit meinem Teppich (ich dachte, er sei aus Wolle – er war brandteuer) sind noch schmerzlicher. Bei seinem Ankauf fiel ich jenem weitverbreiteten Trugschluß zum Opfer, zu glauben, daß das, was teuer ist, notwendigerweise auch gut sei.

Lebensmittel, Gemüse und Waschmittel kaufe ich auch heute noch im nachbarlichen Stammladen. Ein Konto habe ich dort nicht, aber ich bin bequem und anhänglich. Mein Stammladen hat die Gewohnheit, von Zeit zu Zeit höhere Preise zu fordern, aber wenn ich mich verärgert bei der nahen Konkurrenz umsehe, muß ich trotz des unterschiedlichen Charakters der einzelnen Läden feststellen, daß die Preise dort genauso geklettert sind. Mittwochs und sonnabends ist das Gemüse immer billiger, dann gibt es nämlich in nächster Nähe einen Wochenmarkt. Aber auch unter den Marktleuten herrscht offensichtlich schöne Eintracht. Die Preise jedenfalls sind an allen Ständen gleich hoch. Viele Dinge könnte ich aber ohne Zweifel oft billiger kaufen, wenn ich mich gründlicher umsehen würde.

Gerade in diesen Tagen hat die Hamburger Bürgerschaft festgestellt, daß die Vorschrift, über die Klassifizierung und Preisauszeichnung für Obst und Gemüse bis jetzt nur von ganz wenigen Händlern befolgt wird. Und wo das wirklich der Fall war, fand man billige und Mittelsorten vermischt als "Mittelsorte" deklariert. Warum bestehen wir eigentlich nicht darauf, daß wir uns in den Läden ein klares Bild von Qualitäten und Preisen machen können? Der Auszeichnungszwang wurde doch im Verordnungswege eingeführt, um uns den Überblick zu erleichtern. Warum nutzen wir nicht alle Möglichkeiten, uns in noch viel größerem Umfang neutrale und objektive Informationen für unsere Einkäufe zu holen? Wenn Einkauf "Vertrauenssache" ist, dann sollten wir mit unserem Vertrauen viel sparsamer umgehen, als bisher.

Niemand wird bestreiten, daß den Frauen, durch deren Hände der größte Teil des Volkseinkommens geht, eine entscheidende Rolle im Kampf gegen ungerechtfertigt steigende Preise zufällt. Aber ebenso sicher ist, daß sie sich nun nicht plötzlich wie auf Kommando "marktkonform" verhalten werden oder dieses überhaupt können. Um sie in die Lage zu versetzen, überhöhte Preise wirksam abzuwehren, bedarf es ihrer planmäßigen Schulung auf lange Sicht.

Das bedeutet: Verbraucheraufklärung, die, systematisch betrieben, den Frauen die Möglichkeit gibt, Märkte, Angebote und Preise objektiv zu beurteilen und danach ihre Entscheidungen bei ihren Einkäufen zu treffen. Richtig gehandhabt, würde das einer Erhöhung der Realeinkommen gleichzusetzen sein. Alle bei uns vorhandenen Verbraucherbewegungen (etwa die Hausfrauenverbände) werden weiter ein kümmerliches und unbeachtetes Dasein führen, wenn nicht die systematische Erziehung zu wirtschaftlichem Denken bereits in den Schulen beginnt und bereits von hier aus das Interesse für wirtschaftliche Fragen und Zusammenhänge geweckt wird. Damit hat man in den nordischen Ländern und besonders in Amerika ausgezeichnete Erfolge erzielt: Verbrauchergruppen aller Art sind dort sehr wohl in der Lage, der Tendenz steigender Preise sehr wirksam und notfalls mit recht drastischen Mitteln zu begegnen und dabei sogar die Parlamente zu mobilisieren. Das muß man bei uns erst lernen.