Von Robert Strobel

San Franziska, Anfang November

Eine kurze telephonische Anfrage bei der Sekretärin des Senators William F. Knowland. Drei Minuten später hatten wir die Antwort: Herr Knowland werde sich freuen, die drei Journalisten aus Deutschland zu empfangen.

Der Senator, ein kräftiger, großer Mann von gedrungener Gestalt, mit einem kurzen Hals, auf dem ein kantig wirkender Kopf sitzt, bestätigt schon in seiner äußeren Erscheinung den Ruf, der ihm vorausgeht: ein harter Kämpfer zu sein. Dieser Eindruck verstärkt sich im Laufe des einstündigen Gesprächs. Er ist offensichtlich ein geschickter Debatter. Nie zögert er auch nur einen Augenblick mit der Antwort. Ein Mann, der sich an die greifbaren, handfesten Dinge hält und sich von den unwägbaren Sachen nicht beunruhigen läßt.

Man habe seine politische Konzeption häufig falsch interpretiert, sagt Knowland. Nie habe er der Asienpolitik der Vereinigten Staaten gegenüber ihrer Europapolitik grundsätzlich einen Vorrang geben wollen. Noch viel weniger habe er je vorgeschlagen, die Vereinigten Staaten sollten ihr politisches Interesse etwa zu je 50 Prozent Asien und Europa zuwenden. Er halte den Kommunismus für die Weltgefahr, und sie müsse jeweils dort bekämpft werden, wo sie akut sei. Es würde für die freie Welt eine sehr gefährliche Situation eintreten, wenn sie die anderthalb Milliarden Menschen, die in Asien leben, in die Hände des Kommunismus geraten ließe. Man solle das Wort nicht vergessen, daß der Weg nach Paris, aber auch zu den anderen Hauptstädten Europas, über Peking führe. Die Neutralisten – und dabei spielte er besonders auf Indien an – seien nur allzuleicht bereit, eine Position der freien Welt nach der anderen aufzugeben. Wenn sie beispielsweise eine freie Abstimmung auf Formosa verlangten, dann frage er, warum nicht auch auf dem chinesischen Festlande der Wille der Bevölkerung nach den gleichen Regeln erkundet werden sollte.

Knowland ist dem Kreml gegenüber "trotz des Lächelns von Bulganin und Chruschtschow" nach wie vor sehr skeptisch. "Es handelt sich da um eine taktische, nicht um eine strategische Änderung ihrer Politik", sagte er. Gewiß wolle er nicht die Möglichkeit für alle Zukunft ausschließen, daß die Sowjets grundsätzlich ihren Kurs ändern könnten, aber zur Zeit dürfe man nicht allzu vertrauensselig sein. Viele Leute hätten sich von den Genfer "Äußerlichkeiten" gefangennehmen lassen, sogar Mitglieder der amerikanischen Regierung, nicht aber die maßgebenden Männer des Kabinetts. Man solle nicht vergessen, welche Hilfe die gegenwärtigen Herren des Kremls Stalin so lange bei der Versklavung seines Volkes geleistet hätten. Auf die Frage, ob eine grundsätzliche Änderung der Sowjetpolitik in bezug auf die Wiedervereinigung Deutschlands als Beweis für einen echten Sinneswandel Moskaus angesehen werden könnte, erwiderte Knowland, es müßte mehr geschehen. Auch die Satellitenstaaten hätten einen moralischen Anspruch auf die Hilfe der freien Welt. Die öffentliche Meinung Amerikas würde eine Politik nicht unterstützen, die wohl die Wiedervereinigung eines freien Deutschland, nicht aber die Erlösung der anderen von der Sowjetunion versklavten Länder hinter dem Eisernen Vorhang anstrebt. Knowland erblickt in freien, etwa von der UNO kontrollierte! Wahlen ein brauchbares Mittel zur Durchsetzung jener Forderung. Er betonte spontan, niemand in Amerika denke daran, die Sowjetunion etwa mit Krieg zu überziehen. Aber er wußte keine Antwort auf die Frage, wie man die Sowjetunion auf eine andere Weise dazu bringen könne, ihren mitteleuropäischen Machtbereich durch freie Wahlen in Frage stellen zu lassen ...

Wir fragten: "Gäbe es nicht eine Lösung, wenn Europa als eine militärisch gerüstetete, zur Verteidigung fähige Dritte Kraft zwischen den beiden Militärblöcken etabliert würde?" – Knowland erwiderte: "In solchem Falle müssen die Völker Europas selbst entscheiden; ob sie in einem Tigerkäfig leben wollen." Sollten sich allerdings die Hoffnungen derjenigen, die zu einer solchen Lösung rieten, als falsch herausstellen, dann wäre der moralische Anspruch der Europäer auf fremde Hilfe gegen den "Tiger" sehr fragwürdig. Amerika jedenfalls könne Europa "keinen Blankoscheck auf Hilfe" ausstellen. Amerika sei gern bereit, die Freiheit Europas zu garantieren, aber es erwarte schließlich auch die Hilfe Europas für den Fall eines Angriffs auf die Vereinigten Staaten. "Eine Garantie der europäischen Grenzen kann der Sowjetunion", meinte Knowland, "die Chance geben, ihre ganze Kraft nach Asien zu richten, wie sie seinerzeit nach dem Nichtangriffspakt mit Japan ihre Truppen aus dem Fernen Osten auf den europäischen Schauplatz geholt hat, um später Japan anzugreifen." Knowland gilt bekanntlich als Vertreter einer Politik, die gegebenenfalls vor den äußersten Konsequenzen ihres Anspruchs auf Stärke nicht zurückschreckt. Erst nach langem, zähem Ringen und nicht zuletzt dank dem Wahlsieg der Demokraten im Jahre 1954 ist es Eisenhower gelungen, seinen Kurs der Mäßigung und der Mitte gegenüber Männern wie Knowland, Nixon und anderen durchzusetzen. Man hört in politischen Kreisen, daß Knowland hoffe, von den Republikanern als ihr Kandidat bei der Präsidentenwahl im nächsten Jahr aufgestellt zu werden. Wenn seine Chancen dabei auch nicht allzuhoch bewertet werden, glaubt doch jeder politisch versierte Mann, daß seine starke Position, wie immer die Präsidentenwahl ausgeht, von der Regierung berücksichtigt werden müsse. Besonders in seinem Heimatland Kalifornien genießt Knowland großes Ansehen. Und niemand bestreitet seine persönliche Integrität.