Stadtrat Dr. Seiß (SPD) wollte in München Polizeipräsident werden. Um dieses Ziel zu erreichen, sicherte er sich das Wohlwollen seines Parteigenossen Boessl. Vor dem Referenten im Personalreferat, gewähltem Stadtrat (SPD) und beamteten Stadtdirektor Rudolf Boessl zitterte, so scheint es, selbst Münchens biederer Oberbürgermeister Thomas Wimmer (SPD). Als "Graue Eminenz" der Isarmetropole wurde Boessl von Dr. Seiß mit Geheimberichten über die amtliche und private Tätigkeit des Münchener Polizeipräsidenten Anton Heigl und seines Stellvertreters Dr. Weltmann versorgt. Die meiste Zeit seines Dienstes benutzte Dr. Seiß, um seiner Sekretärin Anna Reiger teilweise unwahre Behauptungen und Berichte über seine beiden Gegner in die Maschine zu diktieren. Sorgfältig wurden dann die Durchschläge verteilt, und ob Oberbürgermeister Thomas Wimmer (SPD), Stadtdirektor Boessl (SPD), Waldemar von Knoeringen (SPD) und MdB Marx (SPD) den Inhalt der Berichte zur Kenntnis nahmen oder nicht, sei dahingestellt. Auf alle Fälle haben besagte Personen von der Tätigkeit dieses "Spitzels" im Münchner Polizeipräsidium gewußt und geschwiegen. Erst als Personalreferent Boessl seinen Freund und V-Mann in einer geheimen Stadtratsdebatte zur Beförderung vorschlug, sprang Stadtrat Dr. Ludwig Schmidt (CSU) empört auf und rief: "Der soll doch bloß befördert werden, weil er Ihr Spitzel im Polizeipräsidium ist." Boessl war empört und entgegnete: "Wenn ich wie Sie veranlagt wäre, Herr Dr. Schmidt, gäbe ich ihnen jetzt links und rechts ein paar Backpfeifen. Wenn ich auch kein Akademiker bin wie Sie, so bin ich doch Gott sei Dank ein anständigerer Mensch als Sie."

Vor dem Amtsgericht München trafen sich die beleidigten Stadträte wieder, und Amtsgerichtsrat Michael Sirt mußte sogar feststellen, daß Dr. Seiß nicht nur die Aktenschränke, Schreibtische, sondern auch die Privatpost seiner Gegner durchgestöbert hatte, um "Farbe" in seine V-Meldungen zu bringen. Da dieser Amtsgerichtsrat aber zwischen einem V-Mann und einem Spitzel einen Unterschied sehen wollte, wurden beide streitbaren Stadträte verurteilt; Boessl zu 400,– und Dr. Schmidt zu 150,– DM Geldstrafe.

"Ein Spitzel", so hieß es in der Urteilsbegründung, "handelt aus niedriger Veranlagung, gewerbsmäßig und eigennützig." Ein V-Mann aber sei ein "Vertrauensmann".