Paolo Levi, der italienische Dramatiker (sein Stück "Der Fall Pinedo" kam vor kurzem zur deutschen Erstaufführung) hat – anders als die meisten seiner deutschen Kollegen – schon jetzt lebhafte Freude an der Form des Fernsehspiels, die mehr als das Bühnenstück zu Konzentration und Verdichtung zwingt, ja recht eigentlich auf die klassischen "drei Einheiten" (des Ortes, der Zeit und der Handlung) angewiesen ist. Levis Spiel "Straßenknotenpunkt", dessen deutsche Fassung jetzt das NWDR-Fernsehen zeigte, hält diese drei Einheiten strikt ein. Es vergehen nur eine Nacht und ein Tag in dem kleinen Rasthaus am Knotenpunkt zweier Autostraßen, und die Handlung entwickelt sich fast ohne Beiwerk: Zwei Reisende, Vater und Tochter, aus Indien zu Besuch, haben bei Gewitter einen Autounfall gehabt und finden Unterkunft in dem Rasthaus, dessen Inhaber – wie er nicht müde wird zu beklagen – vor dreißig Jahren nicht den Mut gehabt hat, seinem Fernweh zu folgen, seine Braut zu verlassen und nach Indien auszuwandern, wohin ihn das Heiratsangebot einer wohlhabenden Dame lockte. Das Schicksal setzt nun zwei ergiebige Pointen. Die eine ist, daß der Reisende damals, seinem Fernweh entschlossener nachgebend und seine Braut verlassend, mit jener gleichen Dame nach Indien ausgewandert ist – die andere, daß die Tochter sich in den verlobten Sohn des Rasthausbesitzers verliebt und in diesem mit der Gegenliebe auch das Fernweh weckt. Während Braut und Mutter den jungen Mann festhalten wollen, setzt der Alte alle Leidenschaft und Hoffnung darauf, daß der Sohn den Absprung wagt. Er möchte (ein feiner psychologischer Zug) in dem Jungen seine eigenen Jugendträume realisiert sehen. Doch der Junge ist vom gleichen Schlag wie er. Aus Unentschlossenheit läßt er den Zeitpunkt verstreichen, an dem die Geliebte nach Indien abfährt. Es gibt eben Italiener, denen der Trieb in die Ferne im Blut liegt; und es gibt unverbesserlich Seßhafte ... Levis feine Fügung der Fabel verträgt die Transposition ins Deutsche sehr wohl, weil seine genau umrissenen Volkstypen zugleich Figuren menschlicher Sehnsüchte und liebenswerter Unzulänglichkeiten sind. Jedenfalls leuchtet alles, was geschieht, ein, sobald Heinz Reincke, der der Jungen spielt, vor der Kamera steht. Denn dieser eminente Darsteller lebt (wie auch Ida Ehre, die Mutter, und Ina Halley, die junge Reisende) ganz von innen her, aus dem Nerv der Rolle. Das Ganze: ein auch in der Kameraführung bemerkenswerter Beitrag zu einem künftigen Fernsehspiel-Repertoire.

Wir werden sehen:

Donnerstag, 3. November, 20.45 Uhr:

Aus dem Baden-Badener Studio ein Fernsehspiel nach Robert Neumanns Roman "Die Puppen von Poshansk", der eine Meuterei in einem ostsibirischen Straflager imaginiert.

Freitag, 4. November, 20.25: Aus dem Münchener Residenztheater die Übertragung einer Vorstellung von Gogols "Heiratskomödie" (mit Ernst Ginsberg als Podkolossin). – Sonnabend, S. November,-18.30: Vom österreichischen Fernsehen die Neueröffnung der Wiener Staatsoper. – Dienstag, 8. November, 21.30: Aus Stuttgart Johann Nestroys einaktige Posse "Frühere Verhältnisse" mit Manfred Inger als Hausknecht.

Wir werden hören:

Donnerstag, 3. November, 19.45 Uhr vom NWDR: