Wenn man es recht bedenkt, hat die allgemeine Überzeugung, daß im Zeitalter der Atombombe Weltkriege nicht mehr stattfinden, das Risiko lokaler kriegerischer Auseinandersetzungen außerordentlich erhöht. Mußte man bisher gewärtigen, daß jeder Bürgerkrieg, jede kriegerische Verwicklung zur ersten Phase eines dritten Weltkrieges werden konnte, so sind jetzt die Unruhestifter aller fesselnden Bedenken ledig.

Das mag auch der Grund sein, warum der Ostblock sich gerade jetzt entschloß, den Ägyptern Waffen zu liefern, denn nirgend anders in der Welt kann man mit einem Handgriff so viele Fäden zugleich ziehen und in Verwirrung bringen wie im Nahen Osten. Da sind die außerordentlich einflußreichen jüdischen Organisationen in Amerika, die zugunsten des Staates Israel alle Hebel in Bewegung setzen (während die Interessen der großen Ölgesellschaften in den arabischen Staaten liegen). England ist durch Tradition und Bündnis mit Transjordanien und dem Irak verbunden und daher eher geneigt, den arabischen Standpunkt zu verstehen. Frankreich wiederum sieht die Feinde seiner nordafrikanischen Interessen in Ägypten und der Arabischen Liga beheimatet.

Im Nahen Osten selbst gibt es seit Jahren nur ein Thema und das lautet für die Araber: wie können wir den Staat Israel, diesen Fremdkörper auf der arabischen Halbinsel wieder beseitigen; für die Israelis: wie können wir die Grenzen unserer wiedergewonnenen Heimat, die nur ein Waffenstillstand garantiert, zu endgültigen, durch einen Friedensvertrag bestätigten Grenzen machen. Beide Seiten stellen ihre Fragen mit äußerster Radikalität, das heißt, sie sind bereit, die Antwort durch einen Krieg zu besiegeln. Seit langem bereiten sich beide darauf vor. Noch ist Israel weit überlegen. Die arabischen Staaten sind untereinander gespalten: Transjordanien und Irak sind westlich orientiert, während Ägypten, Syrien und Saudiarabien unter dem Eindruck der östlichen Waffenlieferungen in den letzten Wochen ein neues Bündnis miteinander geschlossen haben. Israel ist besser bewaffnet, hat die modernere Armee. Aber wie lange wird diese Überlegenheit dauern? Israel hofft, daß die zwangsläufige Auseinandersetzung jetzt kommt, die Araber hoffen, daß sie erst eintritt, wenn ihre Vorbereitungen abgeschlossen sind.

In einer solchen Situation äußerster Nervosität ist alles möglich, nur nicht die endgültige Befriedung. Marion Dönhoff