Obwohl die großen Meister der Dirigentenkunst zu den gefeierten Stars unserer Jahre gehören, weiß man von ihnen selbst, von ihrem Werdegang nur wenig. Dieses Wissen im Hinblick auf die allgemeine Musikpflege zu vertiefen – dazu sind unsere Dirigentenporträts, die wir in regelmäßiger Reihenfolge veröffentlichen werden, gedacht.

Er ist ein großer Einzelgänger geworden. Den Beifall mißachtet er ebenso wie die Kritik, Nur in der Kunst erkennt er ein Gebot, dem sich alles zu beugen hat. Als Hans Knappertsbusch 1951 zum erstenmal an das unsichtbare Dirigentenpult in Bayreuth trat, verzögerte sich eine kleine Weile der Beginn des "Parsifal". Der damals Dreiundsechzigjährige mußte erst seiner eigenen Bewegung Herr werden. Denn das war ein Höhepunkt seiner Laufbahn: den Dirigentenstab dort zu heben, wo Richard Wagner gestanden hatte. Wagners Werk geht Knappertsbusch über alles. Er verteidigt es gegen modische Mißhandlung wie gegen die Bequemlichkeit der Sänger. Seine gefürchtete Tempobreite, bei der manchem Solisten der Atem ausgeht, ist der musikalische Odem Richard Wagners. Als die "Entrümpelung" des Enkels Wieland dem Dirigenten zu weit ging, nahm Knappertsbusch seinen Abschied. Auf vieler Bitten kehrte er zwar in das versenkte Orchester nach Bayreuth zurück, erklärte aber: "Ich bin nur um der Sache willen da" und lehnte, wie man hört, jedes Honorar ab.

Diese nur vor dem eigenen Gewissen sich verantwortende Kunstgesinnung findet keinen festen Ort mehr, kein Institut, dem Knappertsbuschs Persönlichkeit den Stempel aufdrücken könnte. Er ist impulsiv, abhängig wie alle Romantiker von der Eingebung des Augenblicks und hat sich zu einer großartigen Einseitigkeit gesteigert. Sein Werdegang mutet wie der typisch gewordene Weg des Generalmusikdirektors zum Pultstar an. Doch dieser Reisedirigent spielt nicht um des persönlichen Erfolgs willen, was die Leute hören wollen. Auf dem Konzertpodium hat er sogar Platzangst und braucht ein sicherndes Gitter um seinen Stand. In der Oper entzieht er sich allen Huldigungen. Aber von der Münchner Intendanz verlangte er nur um seiner selbst willen die in Deutschland vergessene Oper "Louise" von Charpentier, an dem das Herz des Musikdramatikers Knappertsbusch hing.

Seine Menschenverachtung ist die Frucht bitterer Erfahrungen. Als der hochgewachsene Rheinländer aus Elberfeld, der heute aussieht wie das Urbild eines Bayern, 1922 Generalmusikdirektor der Münchner Staatsoper wurde, schien der Vierunddreißigjährige seine Lebensaufgabe gefunden zu haben. "Generalmusikdirektor auf Lebenszeit" ist er dem Titel nach noch heute. Aber in staatlichen Kunstinstituten gilt’s nicht, wie Wagner forderte, der Kunst allein. Als "Kna", populär geworden, sein "Grüß Gott" hartnäckig gegen das amtliche "Heil Hitler" verteidigte, als er gar eine vom Gaugewaltigen protegierte Sängerin ablehnte mit den Worten: "Diese Nazi-Ziege singt bei mir nicht", da war’s aus mit dem Generalmusikdirektor. Später schien es den braunen Machthabern selber geraten, mit diesem volkstümlichen Musiker eine Versöhnung anzubahnen, man trug ihm sogar die Leitung der Wiener Staatsoper an. Es genügte, daß er als Gastdirigent, ohne Verantwortung zu übernehmen, wieder mitgemacht hatte, um abermals von der Münchner Oper hinweggefegt zu werden, als Knappertsbusch sie nach dem Kriege eben wieder in die Hand genommen hatte.

Nun lebt er in einer neuartigen "inneren Emigration": ein einzelner, der berühmt genug ist, die Jagd auf unabhängige Persönlichkeiten an sich vorbeitoben zu lassen; ein reisender Gast in der Maske eines "Stars", dessen Publikumssog man geschickt verplant, und doch einem Ideal, einem ganz persönlichen Wunschbild von Kunst und Musik verschworen, Prominenz als Rettung vor dem Betrieb, Ein Künstlerschicksal unserer Zeit. Max Pahl