Von K. W. Beer

Das ist eine merkwürdige Gesellschaft, die zusammen mit den vielen Hundert anonymen Schulzes, Müllers und Meiers im Lager Friedland aus den Omnibussen klettert. Mit den mehreren Dutzend Generälen fing es an – mit solchen unter ihnen, die Hitlers Letzter-Mann-Parole die treuesten Gefolgsleute waren, und andere, die früh auf der Seite des sowjetisch befürworteten "Nationalkomitees" gegen die Hitler-Armee und ihre eigene Vergangenheit zu Felde gezogen waren. Sie kamen zusammen in gleichen Transporten – und die erste Merkwürdigkeit war, daß der Protagonist des "Nationalkomitees", der Stalingrad-General vonSeydlitz, aus einem Gefängnis und nicht aus einer Ehren-Datscha zu ihnen stieß.

Aber der ersten Seltsamkeit sollten viele andere, ungleich überraschendere noch, folgen. Deutschland und die Welt warteten auf Kriegsgefangene. Und wenn auch die Sowjets sich zu diesem Terminus nicht verstanden, so sollten die nach so langen Jahren Heimkehrenden im sowjetischen Sprachgebrauch "Kriegsverurteilte" oder gar "Kriegsverbrecher" sein. Doch es zeigte sich sehr bald, daß dieser Begriff wohl keineswegs, auch bei Respektierung der sowjetischen Jurisdiktion, zutreffen kann. Denn, mit den vielen ehemaligen Soldaten, die in der Regel gefangen und also wirklich mindestens zehn bis elf Jahre in Gefangenschaft waren, kamen auch Menschen, Männer und Frauen, die erst nach 1945, bisweilen erst 1948 oder 1949 in der deutschen Sowjetzone verschwunden oder verhaftet worden waren. Man staunte, als mitten zwischen diesen Soldaten plötzlich der Journalist Dieter Friede auftauchte, der mehrere Jahre nach Kriegsende ein Opfer des Menschenraubs in der Sowjetzone geworden war. Alle Vorstellungen, die damals die drei westalliierten Behörden bei ihren sowjetischen Alliierten unternommen hatten, um Friede frei zu bekommen, verhallten an der bezeichnenden, sowjetisch gleichbleibenden Antwort: man wisse nichts. Wiedergekommen ist auch ein Reporter des Berliner "Tagesspiegel", der im Jahre 1948 ebenfalls im Sowjetsektor verschwand. Die Sekretärin des ehemaligen sowjetzonalen Außenministers, der immerhin bis 1951 amtiert hat, ist ebenfalls mit einem der Heimkehrer-Transporte wiedererschienen.

Noch fragwürdiger aber muß es erscheinen, daß ein kommunistischer Bundestagsabgeordneter, Kurt Müller, der Stellvertreter Reimanns in der deutschen KP-Leitung war, nun ebenfalls nach fünf Jahren Verschwundenseins den Deutschen als "Heimkehrer" wiedergeschenkt wird. Nicht viel anders steht es mit Leo Bauer, einem alten Kommunisten, der zuletzt als Chefredakteur des Ostberliner Deutschlandsenders fungiert hatte. Man mag sich fragen, was dieses verwirrende Durcheinander bedeuten soll, wenn man weiß, daß zur gleichen Zeit, da der ehemalige Nazi-Gauleiter Jordan in Friedland eintraf, auch der kommunistische Spitzenfunktionär Kurt Müller sich von den Vertretern der Bundesregierung begrüßen ließ. Die Liste der Ungereimtheiten bei dieser Aktion läßt sich lange fortsetzen: es läßt sich feststellen, daß die Sowjets nun auch ein paar von den technischen und wirtschaftlichen "Spezialisten", die sie 1946 und 1947 nach der Sowjetunion transportiert haben, als "Kriegsverbrecher" zurückschicken, daß die Funktionäre der Zone, die bei verschiedenen Säuberungsaktionen verschwanden, als "Kriegsverbrecher" zurückkehren lassen, daß aber auch Männer unter den Wiederkehrenden sind, die Hitler bis zum letzten seinen grausigen Weg mitbereitet haben. Noch ist ja die Heimkehraktion nicht abgeschlossen; es sind nicht einmal die 9656 bisher rein der Zahl nach angekommen, die Bulganin und Chruschtschow dem deutschen Bundeskanzler als die Zurückzuführenden angegeben haben. Keine Frage ist, daß Adenauer und seine Delegation in Moskau seinerzeit an ehemalige Soldaten gedacht haben, als ihnen diese Zahl von knapp 10 000 Deutschen genannt wurde. Ausdrücklich wurde ja von deutscher Seite geltend gemacht, daß sich eine große Zahl von Verschleppten, Zivilinternierten außerdem noch in Rußland befänden. Die Deutschen wollten den Sowjets eine Namensliste dieser außerdem Verschollenen überreichen. Nun aber überrascht jeder neue Transport die Empfangenden mit Menschen, die in Deutschland nicht unter der Gruppe der 10 000 gesucht werden. Von russischer Seite gibt es einstweilen keine Auskunft darüber, wann die Aktion endet, und was in den noch zu erwartenden Transporten an Menschen enthalten ist.

Seit dem 20. Oktober sind keine neuen Heimkehrer-Transporte mehr eingetroffen. Über die Gründe der Verzögerung war von den sowjetischen Stellen, an die sich die Bundesregierung gewandt hat, nichts zu erfahren. In Paris verhandelt Botschafter von Maltzan mit dem französischen Sowjetbotschafter Winogradow über das Agreement für Moskaus Bonner Botschaftskandidaten Zorin und den Umfang der Sowjetvertretung in der Bundesrepublik. Sollte Moskau mit Wiederaufnahme der Heimkehrer-Transporte warten, bis diese Verhandlungen abgeschlossen sind? Oder sind die Gründe der Verzögerung ausschließlich technischer Natur? – Hat schon der Augenschein bei der Ankunft der bisherigen Heimkehrer so viel Seltsames gezeigt, so muß das Warten auf weitere Transporte zu Überlegungen über andere Seltsamkeiten führen.

Für uns Deutsche stellen sich mehrere sehr wichtige Fragen. Die erste vorweg: Ist diese Würfelung der Transporte mit Menschen, die zu ganz anderen Zeiten, aus anderen Motiven und anderen Anlässen in sowjetischen Gewahrsam mit mehr oder minder bitteren Erfahrungen gerieten, eine bewußte Absicht? Oder muß man hierin ein Charakteristikum des Systems erkennen: jenes Systems, das die Angehörigen des eigenen Volkes, der eigenen privilegierten Schichten, mit der gleichen barbarischen Härte in die Kohle- und Uranschächte Sibiriens verbannt wie Freund und Feind von gestern und heute? Es spricht vieles dafür, daß die sowjetische Brachial-Justiz "Kriegsverbrechen" alles nennt, was politisch der jeweilig herrschenden Linie widerspricht. Insofern ist der nicht ganz linientreue Kommunist ebenso ein "Kriegsverbrecher" wie der in Gefangenschaft geratene Jagdfliegerkommodore. Die Heimkehrenden wissen ja immer wieder zu erzählen, welche unerwarteten Leidensgenossen sie in den Tiefen Rußlands angetroffen haben. Schon Joseph Scholmer, der vor zwei Jahren aus Workuta entlassen wurde, wußte ja davon zu berichten, wie in den schweren Arbeitslagern wohl verschollene kommunistische Führer aller Herren Länder, aber auch politische Häftlinge aus der Sowjetzone festgehalten würden. Welche Organisation allerdings diese so einander widersprechenden Teilnehmergruppen zu gleichen Transporten bündelt – das wird im tiefsten ein Geheimnis dieses sowjetischen Straf- und Vernichtungsprinzips bleiben.

Die andere Überlegung, daß die Sowjets damit erproben wollten, wie die Deutschen auf die nach so undurchschaubaren Maximen vor sich gehende Rückkehr reagieren, scheint demgegenüber absurd. Natürlich nimmt sich die kommunistische Presse – und insbesondere die der deutschen Sowjetzone – der unterschiedslosen Freude und des festlich-feierlichen Begrüßungszeremoniells an, mit dem das offizielle und das private Deutschland jeden neuen Transport in Friedland empfangen hat. Und vor allem legt sie den Finger auf die mögliche nationalistisch-militaristische Wunde. Abgesehen davon, daß kaum jemals den offiziell Begrüßenden der Bundesregierung bekannt ist, wer in dem ankommenden Transport bewillkommnet wird, mögen sich hier in Deutschland selbst, wenn Feierlichkeit und erstes Wiedersehen verklungen sind, bisweilen auch Bedenken erheben. Deutschland heißt alle, die kommen, zunächst willkommen: die Masse der ehrlich, äußerlich und innerlich Heimgekehrten, die wenigen, die mit Sentiments wiederkommen, und andere, die möglicherweise geblieben sind, was sie 1944 und 1945 waren. Es mag sein, daß in manchem Wort, mancher Sprachwendung, mancher Gefühlsregung besonders ehemaliger Offiziere noch ein Hauch der Welt der alten Hybris nachklingt; mag sein, daß manche von ihnen glauben, dort wieder ansetzen zu können, wo sie 1945 hatten aufhören müssen. Solche sind gewiß auch unter den Wiederkehrenden. Und vielleicht gibt es einige auch unter ihnen, die schon mit Plänen und Ideen umgehen, wie in die ausgelaugten Schläuche eines toten Nationalismus ein neuer Wein gegossen werden könnte.