d. d., Wiesbaden

Was für ein Mensch der Heinrich vom Walde ist, zeigte die überaus bewegte Verhandlung vor dem Wiesbadener Schöffengericht: der Heinrich ist trotz seiner 66 Jahre noch ein ganzer Kerl, ein (wenn auch vorbestrafter) Rechtsfanatiker, der sich seiner Haut zu wehren weiß. Zuletzt wehrte er sich just an seinem Geburtstag, dem 23. Juni, mittels eines Beils, das im Rücken seines Widersachers landete.

Ehe die verworrene Vorgeschichte dieses Falles aufgerollt werden konnte – Heinrich: "Da steckt eine Dame, die in Gangsterkreisen verkehrt, dahinter" –, mußte sich der Angeklagte einem Verhör durch den medizinischen Sachverständigen unterziehen. Das ging so: "Leiden Sie an Sehstörungen?" – "Ja." – "Tragen Sie eine Brille?" – "Nein. Das ist nicht nötig. Früher habe ich eine Brille getragen. Aber jetzt, wo wir im Walde wohnen, wo alles grün ist, geht’s, besser ohne..." Der Arzt: "Ja, Herr Heinrich, das ist das Chlorophyll ... Leiden Sie auch an Bewußtseinsstörungen?" – "Ich bin ein humaner Mensch. Dafür bin ich bekannt." – "Sie verstehen mich nicht. Ich meine: haben Sie manchmal Zustände, in denen Sie nicht mehr wissen, wo Sie sind?" – "Ja, ja, das kommt bei mir manchmal vor." – "Und kommt es auch vor, daß Sie nicht mehr wissen, wer Sie sind?" – "Aber gewiß, Herr Doktor. Dann frage ich meistens meine Frau..." – "Ich weiß nicht, ob Sie mich ganz richtig verstehen. Kommt es wirklich vor, daß Sie nicht mehr wissen, wer Sie sind?" – "Aber Herr Doktor, das ist doch ganz logisch: wenn ich nicht mehr weiß, wo ich bin, dann weiß ich nicht mehr, wer ich bin ..."

Ganz so weit, daß Heinrich nicht mehr wußte, wo und wer er sei, war es damals an seinem 65. Geburtstag offensichtlich noch nicht. Noch kann er sich deutlich entsinnen: "Ich hatte an dem Tag nicht viel getrunken, nur so zehn Flaschen Bier und zwei Flaschen Äppelwein. Ich sitze gerade mit meiner Frau Mariechen in unserem Haus, da bumst es an der Tür und ein Fenster geht kaputt. Und, Herr Richter, was soll ich Ihnen sagen: das war schon der vierte Fall, daß ich wegen meiner Erbschaft überfallen werde. Und da steckt nur eine Dame aus Gangsterkreisen dahinter... Und wie das Fenster kaputtgeht, ruft draußen ein Kerl: ‚Komm heraus, wir hängen dich auf, du Schwein, mit den Haaren an einen Baum.‘ Und da nehme ich mein Hackebeilchen und gehe hinaus auf die Veranda. Da schmeißt dann doch dieser Kerl aus dem Dunkeln mit dem Lebensmittelkasten nach mir..."

Hier unterbricht der Vorsitzende: "Mit was für einem Kasten?" – "Mit dem Lebensmittelkasten, Herr Richter, in dem wir unsere Vorräte aufbewahren, damit sie kalt bleiben." – "Also mit einer Art Kühlschrank?" – "Na ja, Herr Rat, Sie können das einen Kühlschrank nennen. Es ist aber bloß ein Blumenkasten." – An dieser Stelle suchten verschiedene alte Stammkunden im Zuschauerraum vergeblich nach einem Taschentuch, weil ihrer vor unterdrücktem Lachen die Tränen über die Backen liefen.

Aber nun ist Heinrich vom Walde auch schon am Ende seiner Erzählung: "Wie nun der Kerl nach mir tritt und mich schlägt, hau ich ihm das Beil auf die Brust. In dem Augenblick beißt ihm mein kleiner Hund, ein treuer Kerl, in den Knöchel Da nimmt er mein Beil und geht fort."

Man kann nicht sagen, daß durch die nun folgenden Zeugenaussagen die Geschichte viel klarer geworden wäre. Da ist zunächst der 27jährige Schiffer aus Mainz, der an jenem Tage mit Isabella (Heinrichs "Dame aus Gangsterkreisen") "e paar Biercher getrunke" und sie dann bis zu jener Stehbierhalle begleitet hatte, in der auch Heinrich vom Walde seinen Geburtstags-Alkoholbedarf deckte.