Es ist bei uns zu einer Art Zwangsvorstellung geworden, zu meinen, daß in der Auseinandersetzung mit der totalitären Propaganda diese von vornherein im Vorteil sei, weil sie zentral gesteuert und kompromißlos ist. Vielleicht aber heißt das doch die menschliche Neugier und das natürliche Bedürfnis nach Abwechslung unterschätzen. So jedenfalls scheint es, wenn man erfährt, daß die Film-Festwoche in Moskau, bei der im Beisein von René Clair dessen Werk Les Grandes Manoeuvres als erster westlicher Film aufgeführt wurde, ein offenbar alles andere in den Schatten stellendes Ereignis war. Sieben weitere französische Filme folgten. Gérard Philipe, Danielle Darrieux und andere große Pariser Schauspieler waren in Moskau. Man spricht von nichts anderem. Eintrittskarten, die fünf Rubel kosteten, wurden für vierzig Rubel in den Straßen verhandelt, denn die Sowjetmenschen nahmen begeistert die Möglichkeit wahr, einmal etwas anderes als "sozialistischen Realismus" und Hymnen auf Traktoren und Kolchosen zu sehen. Nicht anders ergeht es der amerikanischen Literatur. Große amerikanische Autoren, Jack London, Theodore Dreiser, Ernest Hemingway liefern dem ausgehungerten Publikum "bestseller". Insgesamt kamen 58 Millionen Exemplare auf den Markt.

Vielleicht sollten wir mehr Zutrauen zu der Überlegenheit unserer Lebensart haben und nicht verzweifeln, wenn wir in der Propaganda für sie hoffnungslos unterlegen sind. Echte Kunst bedarf, genau wie die Freiheit, keiner Reklame. D