Die Dortmunder Wohnwunschforschung

Von Lucius Burckhardt

Es sind Glücksfälle, daß ein Architekt den Besuch eines Mannes erhält, der sich ein Haus nach seinen eigenen Wünschen bauen lassen will. Wie heute die Schuhe nur selten noch für einen bestimmten Kunden, sondern für den Markt schlechthin angefertigt werden, so wird auch der überwiegende Teil der Wohnungen für den Wohnungsmarkt gebaut und findet infolge der Knappheit auch dann den Abnehmer, wenn die Behausung dessen Wünschen nicht entspricht. Natürlich liegen gewisse Erfahrungen vor, natürlich besteht, besonders in den Wohngenossenschaften, ein Kontakt zwischen Unternehmern und Mietern; dennoch ist sicher, daß man zuwenig weiß, wie die Menschen, für die man Wohnblöcke und Stadtteile baut, nun wirklich wohnen wollen.

In den frühen dreißiger Jahren haben im Vorland der Stadt Dortmund arbeitslose Bergleute eine Siedlung errichtet – ein Haus wie das andere, und alle schön in Reih’ und Glied, wie dies paradoxerweise noch heute Kennzeichen für gemeinsam errichtete Siedlungen ist. Kürzlich habe ich die alte Siedlung besucht. Wie kommt es nur, daß sie schon äußerlich ein verändertes Bild zeigte? Hier ein neues Fenster, dort eine zweite Haustür, ein Anbau, ein Dachaufbau ... Der Siedlungsarchitekt wird darin Verunglimpfungen des Siedlungsbildes sehen, eigenmächtige Überschreitung der siedlerischen Regel, möglich nur in jenen Jahren, in denen die Bauämter dringendere Sorgen hatten als die, kleine Bauvorhaben zu überwachen. Für den Soziologen aber sind es Alarmzeichen, daß etwas falsch gemacht worden ist.

Eine zweite Beobachtung: Eine andere, von Facharbeitern und Angestellten bewohnte Siedlung bietet zwar äußerlich noch einen einigermaßen gleichförmigen Anblick. Im Innern der Häuser aber ergab sich die überraschende Tatsache, daß die wenigsten Wohnungen in der Weise benutzt werden, wie sie vom Planer "gedacht" waren: das Badezimmer ist jetzt Waschküche, die Waschküche wurde Küche, die Küche wurde Wohnraum. Und vor allem: Wo immer möglich, ist neben dem alltäglichen Wohnraum noch die "gute Stube" entstanden, Stätte sonntäglichen Aufenthalts.

Durch ähnliche Beobachtungen angeregt, hat die "Sozialforschungsstelle" an der Universität Münster in Dortmund bei einer größeren Anzahl von Bergleuten eine Befragung durchgeführt, um deren Vorstellungen vom richtigen Wohnen zu erkunden. Diese Befragung geschah nicht nach dem üblichen Schema: ‚Ja ... nein ... keine Meinung...‘, sondern in geduldigen persönlichen Gesprächen über alle Sorgen des Haushalts, wobei die Antworten der Befragten möglichst wortgetreu in die Protokolle aufgenommen wurden.

Die konkreten Ergebnisse dieser Bergmanns-Befragung sind wohl auf andere Verhältnisse nicht übertragbar – wie diese Untersuchungen überhaupt die Fragen des Wohnungsbaues differenzieren, nicht aber ein neues Klischee der "idealen Wohnung" schaffen sollen.