Zu einer Sympathiekundgebung für die intensiven Bemühungen des Bundeswirtschaftsministers zur Stabilisierung des Preisniveaus kam es auf der in diesem Jahr in Hamburg abgehaltenen Jahresversammlung des Markenverbandes e. V. Direktor Karl Saebeler, der Vorsitzende des Verbandes, sagte Professor Erhard die Unterstützung der gesamten deutschen Markenartikelindustrie zu. Er konnte bei dieser Gelegenheit auch gleich auf den Erfolg verweisen, den der Appell des Bundeswirtschaftsministers innerhalb der Markenindustrie hatte: die meisten Firmen der Markenartikelbranchen haben ihren Preisstand seit vielen Jahren gehalten, ein Teil hat sogar Preissenkungen vorgenommen oder aber bei gleichgebliebenem Preis die Qualität ihrer Markenerzeugnisse verbessert.

Diese erfreulichen (und nachahmenswerten) Feststellungen sind bei der Bedeutung, die die Industriegruppe der Markenartikel in der Bundesrepublik und in Westberlin besitzt, nicht ohne erhebliches Gewicht: Die in dem in Wiesbaden domizilierenden Markenverband vereinten 400 Unternehmungen repräsentieren immerhin rund 80 v. H. der gesamten westdeutschen Markenartikelproduktion. Und wenn man bedenkt, daß die Umsätze des Einzelhandels zu über 15 v. H. aus Markenerzeugnissen bestehen, ist deutlich zu erkennen, daß das Preisniveau der Markenartikelindustrie einen erheblichen Einfluß auf die Preisbildung des Einzelhandels ausübt. Preiserhöhungstendenzen bei Markenartikeln würden zweifellos sofort die Preisgestaltung des Einzelhandels beeinflussen. Saebeler stellte fest, daß für das politische Vertrauensklima schon viel gewonnen sei, wenn zur Zeit nur preiseben, nicht aber preisauf gefahren werde, obwohl der Druck kostensteigernder Faktoren bis zur Grenze des Erträglichen anhalte. Der scharfe Wettbewerb zwischen den deutschen Produzenten gleichartiger Markenartikel sorgt ohnehin schon für einen stärkeren Preisdruck. An die Adresse der Bundesregierung und der Länderregierungen war seine Forderung gerichtet, daß auch der Staat das Seine zur Besserung des Klimas beitragen müsse. Karl Saebeler meinte damit nicht nur die Verbrauchssteuern, die viele Zweige der Markenindustrie erheblich belasten, er sprach damit auch den Staat als Auftraggeber, Waldbesitzer, Monopolinhaber und Tarifgestalter an. Zur Frage des deutschen Vermögens in Österreich wurde der Erwartung Ausdruck gegeben, daß das Nachbarland den Alt Warenzeichen deutscher Markenfirmen auch weiterhin den Schutz gewährt, den es den Altwarenzeichen in den vergangenen zehn Jahren gegeben hat.

Neben dem "heißen Eisen" der Preise wurde auf der von 500 Markenartikelexperten besuchten Tagung auch ein zweites "heißes Thema" angepackt: die Handelsspannen. Prof. Dr. Konrad Mellerowicz (Technische Universität Berlin) referierte vor den Markenartiklern über die Funktion der Handelsspannen. Ihre Höhe kritisierte er mit unverblümter Schärfe; offensichtlich hat Professor Mellerowicz keine Bedenken, sich die Feindschaft weiter Kreise des Handels zuzuziehen. Seiner Kritik ließ er allerdings auch handgreifliche Beweise folgen: Wenn vom Endverbraucherpreis mitunter nur 40 v. H. an die Industrie und 60 v. H. an den Handel gehen, beweise dies, daß die Rationalisierung der Handelsbetriebe mit der Leistungssteigerung innerhalb der Produktion nicht Schritt gehalten habe. Drei Ursachen bezeichnete Mellerowicz dafür als verantwortlich: einmal sei die Handelssparte übersetzt, zum anderen seien zahlreiche Unternehmen viel zu klein, und außerdem wären die Gewinnanteile infolge des Kalkulierens mit den gewohnten Zuschlägen zu hoch.

Wie kann sich der Verbraucher dagegen schützen? Prof. Mellerowicz wußte auf diese aktuelle Frage eine sehr einleuchtende Antwort: Nur die Disziplin der Verbraucher kann hier helfet. Sie sollten sich auch dazu entschließen, einen übertriebenen Kundendienst (weil kostenerhöhend) abzulehnen. Die traditionelle Erfahrung, daß die Konkurrenz überhöhte Handelsspannen abbauen hilft, bietet heute offensichtlich für den Verbraucher keine durchschlagende Schutzmöglichkeit mehr. Daß die Fachleute sich über den Sinn normaler und den Unsinn überhöhter Handelsspannen längst ein genaues Bild gemacht haben, ging aus der Feststellung des Redners hervor, als er davon sprach, daß sich in den Großbetrieben des Einzelhandels die verschiedenen Handelskosten sehr genau feststellen lassen. Leider aber nur dort...

Neben diesen Fachgesprächen hatten die Tagungsteilnehmer die besondere Freude, aufschlußreiche und humorgewürzte Ausführungen von Prof. Dr. Carlo Schmid über seine Moskau-Eindrücke zu hören. Die Erkenntnisse, die Prof. Schmid mit seinem gewohnten Charme vermittelte, waren für alle Zuhörer von durchaus grundsätzlicher Bedeutung. Und der Beifall, den er erhielt, wäre genauso stürmisch gewesen, wenn er eingangs – mit witzigem Lächeln – nicht ausdrücklich betont hätte, daß er als schlichter Bundesbürger (ließ: Markenartikelverbraucher) spreche, nicht aber als Vizepräsident des Bundestages oder etwa als Mitglied des Parteivorstandes der SPD. Willy Wenzke