Zu dem Porträt des Schweizer Waffenfabrikanten Emil Bührle in der Ausgabe der ZEIT vom 20. Oktober haben Studenten der Clausthaler Bergakademie ihr Befremden ausgedrückt, Sie schrieben uns, daß es sich bei Bührle doch schließlich um einen jener Männer handele, "die im letzten Kriege am Tod vieler Soldaten reich geworden sind, indem sie als Neutrale Zeichnungen und Patente an verfeindete Mächte verkauften". Es ist ein Urteil, mit dem man sich gewiß auseinandersetzen muß. Nicht nur geht es hier um die Frage der Schuld, die ja speziell uns Deutsche in den Nachkriegsjahren so beschäftigt hat; es handelt sich hier um die Sorge junger Menschen, die ihre Abneigung gegen den Krieg und alles, was damit zusammenhängt, äußern. Die Rüstungsindustrie ist für viele, die den Frieden wünschen, immer ein Angriffsziel gewesen. – Daß der Krieg durch Rüstungsmagnaten verursacht oder gefördert werde, die die Völker in Furcht versetzen, um sich an dem gewaltigen Waffenbedarf Profite zu sichern, war zunächst die These der sozialistischen Revolutionäre. Sie ergab sich sozusagen zwangsläufig aus der Marxschen Theorie; mit dem Beweis für diese These sieht es allerdings schwierig aus. Otto Lehmann-Rußbüldt, der den Begriff der Blutigen Internationale der Rüstungsindustrie zum Schlagwort machte, hat 1929 in einem Heft von 82 Seiten zusammengetragen, was zu dem Thema zu finden war. "Aber", so erklärt er, "wie dürftig ist das!"

Da ist als eklatanter Fall die Eroberung Kubas durch die Vereinigten Staaten 1898. Aus Ursachen, die noch heute nicht geklärt sind, flog das amerikanische Kriegsschiff Maine im Hafen von Havanna in die Luft. Obwohl die spanische Regierung zu allen Zugeständnissen bereit war, drängten Amerikas Zuckerinteressen zum Krieg. Damals schickte der Zeitungskönig Hearst seinem Bildreporter, der an Ort und Stelle alles ruhig fand und, weil es keinen Krieg geben würde, nach New York zurückwollte, das berühmte Telegramm: "Bitte, bleiben Sie. Sie liefern die Bilder, und ich liefere den Krieg."

Da war auch jener Brief der "Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken" in Karlsruhe 1907, der einen Artikel im Figaro über die angeblich beschleunigte Aufrüstung der französischen Armee mit Maschinengewehren forderte, um in Deutschland für den gleichen Schritt Stimmung zu machen. Karl Liebknecht hat das Schreiben ein Jahr vor dem ersten Weltkrieg dem Reichstag zur Kenntnis gebracht.

Da war die Verflechtung der Rüstungskonzerne Vickers und Armstrong in England, Schneider-Creusot in Frankreich, Krupp in Deutschland, Putilow in Rußland. Da war schließlich die Gestalt Sir Basil Zaharoffs, des Mannes dunkler Herkunft, der durch geschickte Rüstungsproduktion und -propaganda in vielen Ländern ein gewaltiges Vermögen erwarb und durch den englischen Order of the Bath zum Sir avancierte.

Daß private Rüstungsinteressen bei kleineren Konflikten des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts eine Rolle spielten, läßt sich nicht leugnen. Der Berliner Repräsentant der Skoda-Werke hat es einmal, 1931, dem kanadischen Journalisten Robert Wendelin Keyserlingk gegenüber zynisch so ausgedrückt: "Wir schaffen nicht notwendigerweise Kriegssituationen, wir profitieren nur davon. Daß wir manchmal im kleinen Maßstabe, etwa zwischen zwei südamerikanischen Zwergrepubliken oder einigen Balkanländchen, zum Ausbruch der Feindseligkeiten beitragen, indem wir ihnen das Kriegsmaterial liefern, mag sein. Aber selbst dann müssen zuerst die politischen Spannungen bestanden haben. In mancher Hinsicht sind wir wie die Presse. Wenn es Krieg und Kriegsgeschrei gibt, haben Sie mehr, worüber Sie schreiben können, aber Sie können kaum so eingebildet sein, daß Sie meinen, Sie hätten es aus eigener Kraft hervorgerufen." Daß jedenfalls die Waffenfabrikanten zum Ausbruch des ersten Weltkrieges entscheidend beigetragen hatten, wird niemand, dem es um die objektive Wahrheit zu tun ist, ernsthaft behaupten, vom zweiten ganz zu schweigen.

Das Heilmittel, den Einfluß der Rüstungsindustrie überhaupt auszuschalten, sahen die Sozialisten, die Friedensbewegung und selbst Wilson in seinen ersten Entwürfen zum Völkerbund in der Verstaatlichung. Die ist nun in den sowjetischen Ländern durchgeführt, auch im Dritten Reich stand die Warenerzeugung unter schärfster Kontrolle. Aber das hat den Frieden wenig gefördert. Hitler, nicht Krupp (den selbst das Nürnberger Gericht von Mitschuld freisprach), brachte den zweiten Weltkrieg zum Ausbruch; der Kreml, nicht die russische Industrie, griff Finnland und Polen an; die "kapitalistischen" Westmächte, nicht die Sowjetunion, rüsteten nach 1945 ab, und ohne den Korea-Krieg wären sie noch heute waffenlos. Von wem die Drohung des Krieges in unserer Zeit ausgeht, darüber herrscht in der freien Welt kein Zweifel. Kommunistischen Propagandisten, Männern etwa wie Albert Norden in seiner Broschüre Wie Kriege gemacht werden, war es vorbehalten zu behaupten, die Luftbrücke sei nicht durch die russische Blockade veranlaßt worden, sondern durch die amerikanische Flugzeugindustrie, die Aufträge brauchte. Wenn im Nahen Osten ein neuer Brandherd zu entstehen droht, so deshalb, weil der Ostblock den arabischen Staaten die Waffen liefert, die der Westen rationierte, und dem Gegner Israel, wenn er es annähme, gleich dazu.

Mit den geänderten Verhältnissen hat sich die Haltung der Industrie überhaupt gewandelt. Sie ist sich der überragenden Bedeutung des inneren Marktes bewußt geworden. In Amerika konnte Roosevelt viele der großen Firmen nur unter Druck und durch das Lockmittel besonderer Gewinne (die dann zum größten Teil wieder weggesteuert wurden) zur Umstellung auf die Kriegsproduktion veranlassen. Von dem alten Henry Ford wird berichtet, er habe Tränen vergossen, als statt seiner Automobile der erste Tank vom Fließband rollte. Der Friedensmarkt ist stetiger und sicherer, Rüstungsaufträge bringen selbst in kapitalistischen Staaten Staatskontrolle und Zwangswirtschaft mit sich. Schon aus diesem Grunde hat die Wirtschaft keine rechte Freude daran – von der Gefahr der Atomvernichtung, die den Rüstungsfabriken im Kriegsfall in erster Linie droht, ganz zu schweigen. So ist es nicht verwunderlich, daß auch in Deutschland die Krupp-Werke keinen Hehl daraus machten, daß sie, wenn sie könnten, auf die Kanonen lieber verzichten würden.