o. c., Bremen

Bremens Autofahrer murren. In unübersehbarer Größe war an allen Litfaßsäulen der 1. Oktober als Stichtag plakatiert, bis zu welchem jeder Radfahrer sein! Fahrzeug mit Tretstrahlern zu versehen hatte. Vier Wochen sind seitdem vergangen, aber Tausende von Pedalen denken gar nicht daran, im Scheinwerferlicht der Autos vorschriftsmäßig aufzuleuchten. Das ist, zumal sich der Berufsverkehr in den Wintermonaten vorwiegend während der Dunkelheit abspielt, für Kraft- und Radfahrer gleichermaßen gefährlich, den Kraftfahrern erscheint es sogar ungerecht. Was würde geschehen, so fragen sie, wenn wir unsere Kraftfahrzeuge nach Erlaß einer gesetzlichen Vorschrift nicht termingerecht in Ordnung hätten? Kämen wir ohne Strafmandat davon, und würde man unsere Wagen nicht polizeilich stillegen, bis sie technisch den neuen Anforderungen genügen? Also: gleiches Recht für alle...

Aber die sonst so gestrenge Polizei will diesmal nichts von drakonischen Maßnahmen hören. Auch aus Gerechtigkeit. Sie kann den säumigen Radfahrern keine Schuld nachweisen. Tretstrahler sind Mangelware. Wie vor der Währungsreform sind sie gegen Geld und gute Worte nicht zu haben. Etwa zehn Paar erhält jeder Einzelhändler in Bremen pro Monat. Das Kontingent für einen Großhändler, der 30 000 Tretstrahler angefordert hat, beträgt wenige Dutzend. Einzelne Fahrradmechaniker montieren von den fabrikneuen Rädern schon die Pedale ab, um wenigstens ihren Stammkunden gefällig zu sein. Die meisten jedoch legen wie einst wieder Vormerklisten ihrer Kunden an, in der Hoffnung, Mitte nächsten Jahres auch den letzten beliefern zu können. Schneller vermag die Industrie der Nachfrage nicht zu entsprechen. Einmal fehlt es an Arbeitskräften, zum andern sind die Fabriken nicht geneigt, für dieses Stoßgeschäft ihre Kapazität mit Hilfe neuer Anlagen zu erhöhen, die anschließend nicht ausgenutzt werden können. Es ist ihnen auch nicht zuzumuten.

Die Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung, die den schönen Satz enthält: "Fahrräder müssen an beiden Seiten der Tretteile (Pedale) mit gelben Rückstrahlern versehen sein", ist am 24. August 1953 in Kraft getreten. Der gleichzeitig verkündete Termin vom 1. Oktober 1955 zeigt, daß die gesetzgebenden Gremien der Bundesrepublik menschliche Trägheit und industrielle Lieferfähigkeit immerhin mit einer Frist von 26 Monaten in Rechnung stellten. Dennoch sind sie von einer schweren psychologischen Fehlkalkulation nicht freizusprechen, meinen ihre Kritiker. Wer erfüllt schon eine Gesetzesforderung, die Geld kostet, freiwillig vor der Zeit, noch dazu, wenn sie in einer Ferne von über zwei Jahren liegt? Es wäre daher besser gewesen, in den oben angeführten Satz die Worte "ab sofort" einzufügen und später mit der Überwachung zu beginnen. Gesetze, die nicht befolgt werden, deren Durchführung auch nicht erzwungen werden kann, weil mit dem Fehlen der materiellen Mittel die rechtliche Handhabe entfällt, strahlen zurück auf diejenigen, die sie erlassen haben; allerdings nicht sonderlich hell.