Von Gottfried Sello

Wir waren bei unserem Nachbarn eingeladen. Der Mann ist Steuerberater und verdient nicht schlecht, und wir hatten vor zwei Monaten, als er einzog, seine neue Wohnungseinrichtung ausgiebig bewundert: modern, keine Stilmöbel, Anbaumöbel, Regale, Couch, Sessel, nicht sehr originell, aber geschmackvoll. Nun aber, beim zweiten Besuch, waren wir äußerst erstaunt, ja betroffen: Hatte der Mann sich nach wenigen Wochen schon wieder neu eingerichtet? Beileibe nicht – er hatte alles umgebaut, die "Sitzecke" war in die Mitte gerückt, die beiden Bücherregale standen nicht mehr neben-, sondern übereinander, der große Anbauschrank hatte sich in drei Einzelstücke aufgelöst. Der Raum hatte sich völlig verändert, er war interessanter geworden, und der Steuerberater hatte ein Hobby gefunden, einen Ausgleichssport für seine nüchterne Tagesarbeit: Möbel-Umbauen.

Möbel sind Mobilien, zu deutsch: bewegliche Sachen. Und richtig: sie sind neuerdings wieder beweglich geworden.

Das Eichenbüfett in meinem Elternhaus, drei Meter hoch, mit flämischen Säulen, war immobil. Die elterliche Wohnung war ein Symbol der Dauer. Für Zeit und Ewigkeit. Die Möbel mußten solide, haltbar sein, Kinder und Kindeskinder würden mit ihnen leben. Die Räume waren enorm groß, aber angefüllt, überfüllt mit Dingen, die zur Zierde herumstanden, im Wege standen und die selten oder gar nicht gebraucht wurden.

Wir hatten, im schrecklichen Monat Mai des Jahres 1945, für kurze Zeit eine Zuflucht bei Tante Martha in Aschersleben gefunden. In Tante Marthas guter Stube gab es Unmengen geschliffenen Kristalls, Vasen, Fruchtaufsätze, Schalen, Weinkaraffen, sinnig auf die verschiedenen Möbel verteilt. Meine Frau mußte die kostbaren Dinge, den herrlichen Kristallschliff täglich mit dem Pinsel abstauben. Tante Martha war ängstlich und gutgläubig, und es war nicht schön, daß wir das ausnutzten, aber es war die Rettung: Wir deuteten an, die bösen Amerikaner hätten die Absicht, wertvolles Kristall zu beschlagnahmen. Und dann packten wir das ganze Kristall in eine Kiste und vergruben sie im Garten.

Es hat sich in den letzten Jahrzehnten eine große Entrümpelung der Räume, in denen wir leben, vollzogen. Wir haben entrümpelt und wir wurden entrümpelt, und es geschah gründlicher und grausamer, als es vor fünfzig Jahren die Väter des Deutschen Werkbundes erträumten.

Damals begann jene Revolutionierung des Geschmacks, deren Früchte wir heute in unseren Neubauwohnungen, wenigstens gelegentlich, ernten. Es möge unter den Möbeln endlich der Mensch hervorkommen, schrieb und forderte André Gide unter dem fatalen Eindruck der überladenen, verstaubten, erdrückenden Behausungen um die Jahrhundertwende. Diese Geschmacksrevolution zu Anfang unseres Jahrhunderts hatte zahllose weltanschauliche, praktische, künstlerische Gründe: Die aufkommende Massenproduktion von Gebrauchsgütern hatte die handwerkliche Fertigung überrannt; von einem einheitlichen Stil der Zeit war nichts zu entdecken. Kampf gegen das Unechte, das Angemaßte, das Prunkende, den sinnlosen Schnörkel, das längst Überholte, bloß Imitierende – Kampf gegen den Kitsch wurde nach und nach die Parole.