Von Herbert Eisenreich

Es klingt bestechend, was ein Kritiker unlängst von Henry Miller gesagt hat: er sei ein genialer Dilettant. Indessen, je genauer wir’s bedenken, desto weniger sind wir geneigt, diese Formulierung auf Miller alleine anzuwenden; denn ein Nichtfachmann ist schließlich jeder Schriftsteller, verglichen mit den Musikern, den bildenden Künstlern und den Architekten, die nur in Ausnahmefällen der akademischen Bildung entbehren können. Den Schriftsteller hingegen bildet auf eine ganz unmittelbare Weise das Leben selber, in einem schließlich nicht mehr trennbaren Vorgang verbinden sich ihm Dichtung und Wahrheit, diese als die Erfahrung der Wirklichkeit und jene als deren sprachliche Darstellung Und Bewältigung verstanden; und ein jeder Lebensbericht gerät dem Schriftsteller stets als ein Bericht über seine Bildung.

Die lange Reihe solcher in doppelter Hinsicht bedeutsamen Selbsterzeugnisse ist eben fortgesetzt worden durch

Henry Miller: Plexus. Aus dem Amerikanischen von Kurt Wagenseil. 585 S., 19,80 DM, Rohwohlt, Hamburg 1955.

"Plexus", ein in neueren Wörterbüchern kaum mehr auffindbares Wort, heißt so viel wie Geflecht. Ein idealer Titel, denn Miller schildert so ganz und gar nicht seinen Lebenslauf, ja überhaupt keinen Ablauf, keine Entwicklung, geschweige denn eine Sinnfolge (weshalb es keinen Roman ergibt, so daß die Bezeichnung Roman als eine verlegerische Irreführung bezeichnet werden muß); sondern Miller schildert ein Milieu, das New Yorker Milieu, in das er als etwa Dreißigjähriger verflochten ist.

Es ist ein Milieu von makabrer Färbung. Miller und seine Gefährtin Mona, deren weiblicher Liebreiz sich vorerst als lukrativer erweist denn Millers literarisches Talent, ziehen von Wohnung zu Wohnung, eine Spur von Schulden hinterlassend. Geld fehlt immer, und haben sie mal ein paar Dollar aufgerissen, so werden sie unverzüglich verfressen, versoffen, verschenkt, verpumpt oder in irgendein halsbrecherisches Projekt hineingesteckt. Obskure Figuren tummeln sich im Umkreis: Tramps, verkrachte Intellektuelle, kleine Ganoven, abgewirtschaftete Sportler, Alkoholiker und Lesbierinnen, Süchtige und Besessene aller Grade und Arten, Verlorene und Verstoßene jeden Volkes, jeden Standes, jeder Rasse. Dem entsprechen ihre Erlebnisse, deren Schauplätze da sind: die Straße und die Untergrundbahn, billige Kneipen, unaufgeräumte teilmöblierte Wohnungen, Stadtrand, Himmelsrand ... Es ist ein Leben zwischen den moralischen Hemisphären.

Faszinierend, wie Miller das darstellt! Seine Beobachtungsgabe und die Bildkraft seiner Sprache sind gleich bewundernswürdig. (Von einer tiefblassen, nur mehr mechanisch reagierenden Frau heißt es – um nur ein Beispiel zu nennen –, daß sie aussah "wie eine elektrisch erwärmte Leiche".) Das Groteske und das Tragische, Unsinn und Tiefsinn zwingt er gewaltlos in einen einzigen Satz. Sein Bild von der Welt ist wahr, wenn auch nicht immer gerade beglückend.