Kollektive Sicherheit ist, wie schon der Völkerbund zeigte, genausoviel und genausowenig wert wie das Kollektiv selbst. Sind die Mitglieder des Kollektivs unter sich einig, ist auch die Sicherheit kein Problem; sind sie es nicht, kann kein Sicherheitspakt die fehlende Einigkeit ersetzen.

Natürlich gibt es auch echte kollektive Sicherheit. Jedes geordnete Staatswesen ist ein Kollektiv und gewährt zugleich Sicherheit. Aber im internationalen Verkehr gilt nach wie vor die Regel: Die Sicherheit des einen ist die Unsicherheit des anderen, und umgekehrt. Es gibt Ausnahmen von dieser Regel, einmal Bündnisse im klassischen Sinn, bei dem der "Feind" von vornherein feststeht, zum anderen Sicherheitspakte, wie den Vertrag von Locarno, bei dem die Entscheidung, wer der Feind ist, erst im Konfliktsfall erfolgt. Kommt eine Einigung über diese Frage nicht zustande, ist der Sicherheitspakt wertlos.

In Genf hat nun Molotow einen Pakt vorgeschlagen, der nach einer gewissen Anlaufzeit die NATO und die WEU ersetzen soll. Er richtet sich gegen "den Angreifer". Wer aber bestimmt den Angreifer? Alle Mitgliedsstaaten einstimmig oder ihre Mehrzahl? Die Frage scheint, gemessen an den großen Worten in Genf, kleinlich und unwichtig, dennoch ist sie die entscheidende. Falls Rußland bereit ist, sich im Falle eines Konflikts (zum Beispiel zwischen Ost- und Westdeutschland) einem Mehrheitsbeschluß zu unterwerfen, kann man auch in anderen Fragen rosig in die Zukunft sehen. Aber Moskaus zahllose Vetos in der UNO lassen kaum einen Zweifel, daß der Mechanismus eines europäischen Sicherheitssystems, dem die Sowjetunion angehört, genausowenig funktionieren würde, wie das Sicherheitssystem der UNO. Wenn es schon nicht möglich ist, den Ost-West-Gegensatz in der UNO zu überbrücken, wie soll es dann gelingen, ihn in Europa zu überbrücken!

Wenn die vier Außenminister unverrichteterdinge von Genf abreisen, wird es voraussichtlich heißen, die Konferenz sei an der deutschen Frage gescheitert: zu unrecht, denn in der Sicherheitsfrage gehen die Meinungen von Ost und West, sobald man etwas näher hinsieht, genausoweit auseinander wie bei der Wiedervereinigung.

Auch der Vorschlag der Westmächte, die Sicherheit der Sowjetunion gegen einen deutschen Angriff zu garantieren, weist kaum einen Weg zur Überbrückung der in Genf zutage getretenen Gegensätze. Daß deutsche Armeen allein und ohne Verbündete in Rußland einmarschieren könnten, ist so ziemlich das letzte, was den Sowjets Kopfzerbrechen macht. Und daher ist es unrealistisch, zu glauben, sie würden gegen Zusicherungen für den Fall eines solchen Angriffs irgendein Stück ihres Machtbesitzes hergeben. Weder will also Washington die NATO gegen Sicherheit à la Molotow eintauschen noch Moskau die Sowjetzone gegen Sicherheit à la Eden und Dulles.

Man kann dem Pariser Le Monde kaum Unrecht geben, wenn er schreibt, die Genfer Debatte erwecke den Eindruck eines "krassen Irrealismus", vom "Genfer Geist" sei nicht mehr viel übriggeblieben als die Höflichkeit, mit der man sich unannehmbare Vorschläge präsentiere. Nur die Sowjets tragen ostentativ Optimismus zur Schau. Man könne ja, so meinen sie, von neuem konferieren; wie oft habe man nicht im alten Völkerbund über dieselben Themen gesprochen.

Beide Parteien, West und Ost, haben in Genf im Grunde nur noch das eine Ziel, der anderen Seite möglichst sichtbar den Schwarzen Peter zuzuschieben, und jeder nennt die Vorschläge des anderen eine Wiederholung der schon in Berlin vorgebrachten und – zurückgewiesenen Gedanken, womit beide nicht so ganz Unrecht haben.

Gösta v. Uexküll