Die Steigerung der Wehrfähigkeit war immer und bleibt auch das große und permanente Anliegen des ganzen sowjetischen Volkes! ... Die Werktätigen tun alles, um die Schlagkraft ihrer Truppen noch weiter zu steigern und sind zu jeder Zeit bereit, die Eroberungen des Sozialismus zu verteidigen!" So äußerte sich General Kamanin, der stellvertretende Vorsitzende des Zentralkomitees der DOSAAF in einem Interview, das der TASS-Informationsdienst für die Provinzpresse diktierte. In den großen Zeitungen, der Prawda, Iswestija, Trud, sind solche Töne zur Zeit seltener. Wahrscheinlich glaubt man, daß sie bei Blättern, die auch außerhalb der Sowjetunion gelesen werden, nicht opportun seien.

Die DOSAAF nun, deren stellvertretendem Vorsitzenden wir das aufschlußreiche Interview verdanken, ist der glücklicherweise abgekürzte Name für die "All-Unions-Freiwilligengesellschaft zur Unterstützung von Armee, Aviatik^ und Flotte", eine paramilitärische Organisation, in der Jugendliche aller Klassen und Berufe im Reiten und Schießen, im Autofahren und Fliegen, in Geländekunde und Motorentechnik ausgebildet werden. Ihre Gründung reicht ins Jahr 1950 zurück. Schon am 28. Juli 1952 zeigten ihre Mitglieder bei der großen Luftparade in Tuschino bei Moskau vollendeten Formationsflug und geschlossene Fallschirmabsprünge von Hunderten junger Männer und junger Frauen unter der Führung von aktiven Offizieren. Bei der Luftparade des nächsten Jahres, am 24. August 1953, schrieben 75 DOSAAF-Maschinen neuester sowjetischer Konstruktion die Worte "Ruhm der UdSSR" an den Himmel von Tuschino.

In einem Leitartikel der Prawda hieß es: "Millionen begeisterter Mitglieder der DOSAAF arbeiten in Fabriken und Kolchosen und erwerben gleichzeitig in ihrer Freizeit militärische Fachkenntnisse. Sie bereiten sich so darauf vor, geübte Verteidiger ihrer Heimat zu werden... Und solche Organisationen müssen in jedem Betrieb, in jedem Kolchos und Sowchos (Staatsgut), in jeder Lehranstalt und in jeder Behörde vorhanden sein. Denn es ist notwendig, daß in die Reihen der DOSAAF die Mehrheit aller Arbeiter, Kolchosbauern, Angestellten, Schüler und Studenten hineingezogen werden. Und alle Partei- und Regierungsstellen sind angewiesen, dabei behilflich zu sein." Selbst die privaten Hausgemeinschaften sollten Wehrgruppen auf die Beine stellen.

Wie sehr der Aufforderung Folge geleistet worden ist (und wer würde es in der Sowjetunion wagen, einer solchen Aufforderung nicht Folge zu leisten?), geht aus einem Artikel hervor, den der Präsident der DOSAAF, Generaloberst der Garde P. Below, in der offiziellen Prawda am 21. Oktober veröffentlicht hat: "Nicht geduldet werden kann, daß es in manchen Betrieben und in einem Drittel der Kolchosen bis heute keine DOSAAF-Gruppen gibt! Auch ist noch in den Gebieten Kostroma, Jaroslawl und Kaliningrad (Königsberg) die Zahl der Mitglieder gering geblieben." Woraus man schließen darf, daß fast alle Betriebe und zwei Drittel der Kolchosen bereits ihre DOSAAF-Gruppen haben; und die genannten Gebiete haben sich inzwischen vielleicht beeilt, so schändlich Versäumtes nachzuholen.

Übrigens beweist dieser Aufruf, daß die totale Militarisierung mit der Entspannung um nichts nachgelassen hat. Im Gegenteil, die 600 000 demobilisierten Sowjetsoldaten und -offiziere, mit denen Moskau so viel Propaganda macht, haben, wie Below ausdrücklich feststellt, auch die Aufgabe, den Aufbau der DOSAAF voranzutreiben!

Die Herrscher im Kreml verfügen daher also nicht nur über eine starke und einsatzbereite Wehrmacht mit ihren sozusagen normalen Reserven; sondern sie haben darüber hinaus ein riesiges Reservoir militärisch vorgebildeter Jugendlicher, wie es das in diesem Ausmaß nirgendwo in der westlichen Welt gibt. F.Dassel