Musik im Film ist seit fünfundzwanzig Jahren eine Selbstverständlichkeit. Als dramatisches Element, dramaturgischer Gag oder gar nicht mehr bewußt wahrgenommene Geräuschkulisse fristet sie ein in der Regel recht unkünstlerisches Leben; unkünstlerisch, weil sie mehr Magd im Dienste des Filmes sein soll, als die Idee vom Kunstwerk zulassen kann.

Gelegentlich gelingen Filme, die wirklich Kunstwerke sind. Filme sollten aber grundsätzlich Kunstwerke sein, auch wenn sie nur unterhalten wollen. Diese Forderung dürfte vor allem für die sogenannten "Kulturfilme" zu erheben sein. Und diesen Standpunkt vertrat mit Nachdruck Siegfried Goslich, der Leiter der Abteilung Musik bei Radio Bremen, als er vor geraumer Zeit aufgefordert wurde, die musikalische Betreuung zweier Kulturfilme zu übernehmen, welche Senat und Bürgerschaft der Hansestadt Bremen über ihr Gemeinwesen drehen ließen. Goslich forderte von Produzenten und Komponisten eine Musik, die nicht nur rechtlose Dienerin der optischen Vorgänge, sondern ebenbürtiger Partner am Gesamtkunstwerk Film sei.

Harald Genzmer lieferte darauf für einen Kurzfilm eine symphonisch angelegte Musik, deren Ablauf nur in einzelnen Zügen auf das amorphe Bildgeschehen eingeht. Der in dieser Beziehung bedeutend bessere Langfilm erlaubte dagegen aus seiner spezifischen Anlage heraus dem Komponisten Ludwig Roselius nicht, sich in einer musikalischen Großform auszudrücken. Mit Geschick fing er jedoch eine vielfältige Reihe von Impressionen ein, die, in rondoartiger Reihung, den Einzelbildern-einen beträchtlichen Zuwachs an Atmosphäre verschafften. Gelang es Genzmer, durch rigorose Beschränkung auf wenige musikalische Elemente eine Tektonik zu schaffen, die dem Kurzfilm spürbaren Zusammenhang verlieh, so pointierte Roselius erfolgreich das Detail, ohne auf die Gesamtform wesentlich einwirken zu können. In beiden Fällen komponierten die Musiker wie üblich zum fertigen Filmstreifen, mit dem dann die vom Radio-Bremen-Orchester aufgenommenen Musiken synchronisiert wurden. Allen Bemühungen zum Trotz war es aber doch nicht möglich geworden, die Produzenten vorher zu gemeinsamer Planung zu bewegen. Die künstlerische Idee blieb unverwirklicht, weil man sich nicht zum Team zusammenfinden konnte oder – wollte.

Zur selben Zeit entstand im Bremer NOFIS-Studio ein Kulturfilm – übrigens ohne Subventionen –, der das im Bremer Rathaus wiederentdeckte Wandbild "Das Salomonische Urteil" zeigt. Hier waren Produktionsleiter Peter Lembke und Regisseur Walter Bode einen anderen Weg gegangen. Nachdem sie eine klare Vorstellung von ihrem Bildmaterial und den dazugehörigen Erläuterungen gewonnen hatten, koordinierten sie diese beiden der von Richard Liesche gespielten d-moll Toccata von J. S. Bach. Das geschah mit solch überlegener Einfühlung in die espressiven Details des Bildes und der Musik, daß ein Film entstand, der nicht nur Kunstwerke vorführt, sondern selbst zum Kunstwerk wurde und als solches wirkt, weil es gelang, Inhalt und Form beider Künste bis ins feinste aufeinander abzustimmen und der dramaturgischen Absicht unterzuordnen, das Erlebnis eines Kunstwerkes zu vermitteln.

Es erhebt sich die bange Frage: Warum bekommen wir so selten Filmwerke zu sehen, in denen den einzelnen Künsten ebenbürtige Partnerschaft eingeräumt wird? Im Regelfall darf heute der Musiker den Film "dekorieren", wo die übrigen Gestalter des Filmes mit ihren Mitteln nichts mehr zu bieten haben, so nach dem Motto: "Hier brauchen wir zwanzig Meter Musik als Übergang." Während in Frankreich Komponisten vom Range eines Georges Auric sich seit Jahrzehnten ein Vergnügen daraus machen, gute Spielfilme zu akkompagnieren, gilt in Deutschland noch allzuoft (Ausnahmen bestätigen hier die Regel) der "Filmkomponist" als ein notwendiges Übel auch bei solchen Filmen, die ohne Musik salzlos wären – während er wiederum zu Aufträgen bei Filmen herangezogen wird, in denen Musik ganz überflüssig ist. Klaus Blum