Der ostzonale Schriftsteller Walther Victor hat kürzlich in einer Ostberliner Zeitung zu der Frage Stellung genommen, ob die unbefriedigende Entwicklung der Literatur in der Sowjetzone nicht darauf zurückzuführen ist, daß man von seiten der maßgebenden Stellen der ideologischen Schulung des Schriftstellers mehr Bedeutung zumißt, als seiner künstlerischen Meisterschaft. Victor meint, es sei leider die Auffassung vorhanden, in der Sowjetzone gäbe es genug große Begabungen und Talente, es käme nur darauf an, die Köpfe mit der richtigen politischen Ideologie anzufüllen, um das Genie zum Sprühen zu bringen. Wichtiger sei es aber, die Talente zu entwickeln, um sie zur künstlerischen Meisterschaft zu führen.

Für uns ist es interessant, daß auch der sogenannte dialektische Materialismus nicht mehr umhin kann, das Vorhandensein eines geheimnisvollen Etwas zuzugeben, das beim künstlerischen Schöpfungsprozeß wirksam ist und das sich allen Bemühungen um wissenschaftliche Erklärung entzieht. Vorsichtig umschreibend nennen es die Autoren bei ihren Diskussionen um die notwendige Hebung des Niveaus der Literatur "Genie" oder "den gewissen Funken", deutlicher dürfen sie es nicht sagen, wenn M. nicht für Mystagogen gehalten werden wollen.

Auch Walther Victor hatte bereits zuviel mit seinen Feststellungen gesagt und wurde aus diesem Grunde von einem der Hohenpriester des sowjetzonalen Kulturwesens, Dr. Wilhelm Girnus, im Zentralorgan der SED kürzlich unüberhörbar zur Ordnung gerufen. Girnus warf Victor vor, daß er ein Anhänger der des Geniekults und der Meinung sei, man solle ein Genie wild wachsen lassen, damit es sich gegen alle Widerstände entwickle. Nach Girnus ist das eine ketzerische Ansicht, und zu einer solchen komme man folgerichtig, wenn man die künstlerische Meisterschaft "an die erste Stelle rückt oder sie der. ideologischen Klarheit als gleichwertig nebenordnet".

Politische Ideologie ist danach wichtiger als künstlerische Gestaltungskraft, ja, nach Girnus gibt es ohne die "richtige" nolitische Idee kein Genie. Faulkner und Mauriac, um nur zwei Namen herauszugreifen, kommen also nach solcher Wertung als Genie-Anwärter nicht in Betracht, weil sie nicht auf die richtige politische Linie abgestimmt sind. Ja, eigentlich dürfte ihr Werk gar nicht existieren, denn Herr Girnus doziert im "Neuen Deutschland": "Keine künstlerische Meisterschaft ohne ideologische Klarheit."

Die Sowjetzonen-Kulturverwaltung ruft angesichts des unbefriedigenden Zustandes der bisher unter dem neuen Regime hervorgebrachten Literatur nach den Tolstojs, Goethes und Balzacs von heute. Sie verspricht ihnen staatliche Aufpäppelung, eine Villa mit allem Komfort und auch den üblichen Privilegierten-Kraftwagen; auf die Dachstube, wie im feudalistischen und frühkapitalistischen System, soll das Genie nicht mehr verwiesen sein. Nur eines verlangt man von ihm: es muß sich der Impfung mit dem "richtigen" ideologischen Serum unterziehen.

Wie die Praxis ergibt, führt diese Impfung leider zur Sterilität. Auch in der Sowjetunion ruft man doch bereits seit fast vier Jahrzehnten vergeblich nach dem neuen Puschkin oder Gogol. Weshalb dieser Ruf erfolglos bleiben muß, hat André Gide vor genau zwanzig Jahren, als er zeitweilig zum Kommunismus übertrat, Mauriac gegenüber ausgesprochen. Der frischgebackene Kommunist Gide sagte: "Ich habe Orthodoxie in jeder Form stets unbedingt abgelehnt. Auch jetzt noch scheint mir die marxistische Orthodoxie ebenso gefährlich wie jede andere, gefährlich für das Kunstwerk mindestens. Aber da ich davon überzeugt bin, daß die marxistische Orthodoxie für die Errichtung einer neuen Gesellschaftsordnung nützlich oder sogar unentbehrlich ist, scheint es mir lohnend, die Kunst zu opfern, wenigstens vorübergehend. Die Parteilinie ist vielleicht notwendig. Aber freilich, ein Künstler kann sich in seinem Werk nicht an irgendeine Linie halten."

Dieses "an die Linie halten" verlangen aber die Kulturinstanzen Ostberlins von jedem Künstler und Schriftsteller. Und so bleibt die Literatur flach und schemenhaft. Will man Kommunist sein, muß man die Kunst opfern, sagte André Gide. Das gilt nach wie vor. pe. m.