Wenn die kurze Dämmerung sich über das weite, flache Land am Euphrat legt, kehren die Tempelherden unter den Rufen der braunen, nackten Hirten heim. Es ist Frühling, und das junge, sprießende Gras hat Saft und Kraft, so sind die Schafe und Ziegen feist, und die Lämmer folgen hurtig ihren schwereutrigen Müttern. Noch ist Zeit zur Schur: Lang und dick hängt den Tieren das Fell herab – die Wollspinnereien in den Tempelhöfen werden dies Jahr reichlich Arbeit bekommen." Daß dieser Bericht aus Uruk vom Jahre 2900 v. Chr. geradezu biblisch anhebt, entspricht dem arkadischen Frühlicht unserer Menschheitsgeschichte in Mesopotamien. Er ist zu lesen in dem Buch:

Große Kulturen der Frühzeit: Ur, Assur und Babylon. Von Hartmut Schmökel, Gustav Kilpper Verlag, Stuttgart, 118 Abbildungstafeln, 24,50 DM.

Aber es ist bezeichnend, daß die wissenschaftlich brillant fundierte Schilderung von Schmökel, der zugleich in den Urbanbüchern (Kohlhammer) über das "Land Sumer eine umfassende Gesamtdarstellung gegeben hat, von dem allgemeinen Bedürfnis, Geschichte als Roman zu erleben, profitiert. Die vorderasiatische Frühgeschichte fasziniert durch den gewaltigen religiösen Rhythmus dieses Erdstrichs, den wir als den majestätischen Hintergrund des Alten Testaments ansehen müssen. Man erkennt unschwer, wie sehr heute die Auswertung der Grabungsergebnisse und der Texte in das allgemeine Interesse gerückt ist. Was Margarete Riemschneider in ihrem Band "Die Welt der Hethiter" noch nicht gelungen war – die Verschmelzung von Wissenschaft und freier Wiedergabe – ist Schmökel meisterhaft geglückt: er schreitet den Aufstieg des gewaltigen Stromlandes von Sumer an über die Spätepoche des sumerischen Städtebundes in den Zäsuren der historischen Entwicklung ab – wir hören von dem Einbruch der Westsemiten, Hammurabi, Babylon, der mittel- und neuassyrischen Zeit und schließlich dem Ende, unter Nabonid, und der Ablösung durch die Perser. Der umfangreiche, historische Stoff zwingt dazu, die Darstellung vor allem aufs historische Gesamtbild zu konzentrieren. Schmökel hält den augenblicklichen Stand der Forschung, frei von Spekulationen, fest, obschon man sich gegen Diagnosen sträubt, die "materielle Kultur und geistige Schöpfung der Sumerer und Akkader" habe sich schließlich erschöpft. Das gehört in den Bereich der weltgeschichtlichen Betrachtungen: In China und Indien ist diese Erschöpfung eben nicht eingetreten.

So sehr der erste Band dieser Reihe, der Hethiterband, durch die Auswahl der Bilder bestochen hat, so sehr bleibt zu bedauern, daß wichtigstes Material aus dem Britischen Museum im Tafelwerk des neuen Bandes fehlt. Auch denkt man an den kostbaren Band "L’art de la Mesopotamie" (Elam, Sumer, Akkad) in den Editions "Cahiers d’art", der die Schönheit dieser Kunst eindrucksvoller zur Geltung gebracht hat als die Bilderauswahl Schmökels. Egon Vietta